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1. Reise: Die
(mächtigen)
TAARER

3. Kapitel
Der Erste Eindruck
-1-
Als ich
erwachte, fand ich mich auf meinem alten Liegemöbel wieder, den Kopf hoch
gestützt und den Körper in einer Liegehaltung entspannt. Gliederschmerzen
oder andere unangenehme Begleiterscheinungen eines Portaldurchgangs, auf die
ein Bericht der /KKK hingewiesen hatte, verspürte ich nicht. Wahrscheinlich
sind der /Kooperative diese Liegesäcke noch nicht bekannt gewesen.
Auf der
großen Betrachtungsfläche meiner Unterkunft sah ich zum ersten Mal das
System der Sonne 003-NANROC. Von der Sonne selber sah ich nur den Schein, so
als würde hinter einem eine riesige Lichtquelle eingeschaltet. Der
Portaldienst hatte den Raumpeiler in der Bahn des ersten Planeten herein
gelassen und wir entfernten uns gerade von der Sonne. Ich war am Ziel meiner
Reise. Sie hatte nur 68 erdeStunden gedauert und ich befand mich jetzt 216
lichtJahre von meiner Heimat entfernt. Übrigens hatte ich den Koffer mit den
Spielzeugen der TAARER nicht einmal angesehen.
Der
Raumpeiler flog in ein Sonnensystem hinein, in dem es Tausende von Planeten
zu geben schien. Zumindest konnte man diesen Eindruck bekommen, wenn man die
vielen Lichtpunkte auf der Betrachtungsfläche sah. Sie wurden durch die
gelbweiße Sonne, die hinter uns lag zusätzlich noch angestrahlt. Alle diese
Lichtpunkte stellten sich bei näherer Betrachtung als künstliche
Himmelskörper heraus. Satelliten, mit den verschiedensten Größen und Formen,
fast alle hell erleuchtet, oder doch heller als die hinter uns liegende
Sonne. Hätte mein UKOM nicht einen kleinen, blassen Punkt als
003-006-NANROC bezeichnet, ich hätte nicht gewusst, wo in dieser Masse von
Satelliten die eigentliche Hauptwelt zu finden gewesen währe.
Was mich aber
noch mehr überraschte, ist der Verkehr gewesen der hier herrschte.
Unüberschaubare Mengen von Lichtpunkten unterschiedlichster Größe und Farbe,
strebten - wie bei einem Feuerwerk - von imaginären Mittelpunkten weg oder
bewegten sich auf sie zu. Bei einer Vergrößerung dieser Mittelpunkte sah ich
dann riesige Satellitenanlagen. Es gab welche die aus einzelnen Körpern
zusammengesetzt erschienen, verbunden mit einem Netz von Röhren in den
unterschiedlichsten Längen und Durchmessern. Große quadratische Platten mit
verschiedenen Auf- und Unterbauten aber herrschten vor. Dieser Ort erschien
mir damals wie eine Ansammlung von Satelliten, die nur zufällig um eine
Sonne kreisten, die dann auch nur zufällig einige eigene, natürliche
Planeten besaß. Wie nahe ich in diesem Augenblick den Realitäten kam, wurde
mir erst einige erdeJahre später so richtig bewusst.
Der
Raumpeiler hatte als Ziel natürlich nicht die Welt 003-006-NANROC, sondern
einen Satelliten der INSORINE, der von ihnen hier als Austausch Stützpunkt
genutzt wurde. Dieser Satellit bewegte sich in einer Bahn zwischen dem
sechsten und siebenten Planeten um die Sonne 003-NANROC. Da er sich - von
unserem Systemeingang ausgehend – nicht in unserer Flugrichtung befand,
musste der Raumpeiler einige Gravopeilmanöver ausführen um ihn zu erreichen.
So hatte ich Zeit, etwas von der betriebsamen Stimmung, die in diesem System
herrschte, auf zu nehmen.
Wir kamen
sogar in der Nähe von 003-006-NANROC vorbei, da er der sechste Planet dieses
Systems ist. Es schien hier aber nicht üblich zu sein, einen Raumpeiler vor
seinem Reiseziel zu verlassen. Ich war fast ein bisschen enttäuscht, weil es
hier nicht soviel Betrieb gab wie auf verschiedenen Großsatelliten. Damals
glaubte ich endlich zu verstehen, was ich mir unter dem Begriff
Satellitenzivilisation vorstellen musste. Natürlich hatte ich mich vor
meiner Reise - so gut es ging - auf das System 003-NANROC vorbereitet. So
wusste ich, dass es zwischen den fast 40.000 Satellitenanlagen auch 11
natürliche Planeten gab. Zwei davon besaßen sogar eine für uns MENSCHEN
Atembahre Atmosphäre.
Der fünfte
Planet ist die zweite so genannten SSA - Sauerstoff /Stickstoff Atmosphäre - Welt
gewesen und eine besondere noch dazu. Auf diesem Planeten sollten die TAARER
ihren Nachwuchs "produzieren". Wenn es stimmt was Albert Shere /KKB /D1
angedeutete hatte, ist es eine von diesen 199 Reprowelten, die von ihnen
überall in GAON eingerichtet worden sind. Diese Welt jedenfalls schützten
sie besonders. Ich merkte es daran, das wir beim passieren seiner Bahn einen
riesigen Bogen machen mussten. Wenigstens deutete ich die eingeblendeten
Angaben auf der Betrachtungsfläche in meiner Unterkunft so.
Dann begann
ein Lichtpunkt immer größer zu werden und dass ist endlich der INSORINE
Satellit gewesen. Wir näherten uns einer Plattform mit quadratischem
Grundriss. Auf den beiden großen Flächen stand jeweils eine flache Pyramide.
Die Ausmaße dieses Satelliten mussten riesig sein. Eine Möglichkeit seine
Größe zu schätzen hatte ich zwar nicht, aber die vielen Raumpeiler, die an
den schmalen Seiten angelegt hatten, konnte ich nicht einmal zählen. Eine
dieser schmalen Seiten der Platte war auch unser Ziel. Ich konnte noch
einige freie Trichter erkennen, bevor irel-421-et meine Bertachtungsfläche
auf die Zentrale umschaltete. Er stand wieder auf seiner Erhöhung und teilte
uns mit, dass wir das Ziel der Reise erreicht hätten. Es seien bereits
Pendler unterwegs, um jeden von uns zu seinem Ziel innerhalb des Systems zu
bringen. Alle Betrachtungsflächen in der Zentrale sind wieder eingeschaltet
gewesen und ich konnte auch fast alle Mitreisenden in ihren "Logen" sehen.
Es folgte dann eine Verabschiedung, die sich vollkommen von meiner
Vorstellung unterschied. Alle, auch der ORORE Enorel-oner-Devenor, winkten
mir freundlich zu. Beim TOLK TERISON flirten die oberen Stacheln besonders
heftig. In so kurzer Zeit - nur durch eine einzige Unterhaltung - sind sie
mir alle doch etwas vertrauter geworden. Ich verspürte fast so etwas wie
Wehmut, weil wir jetzt wieder auseinander gingen.
Vom /KIS
Pärchen sah ich nichts. Sie hatten ihren Liegesack vor dem Portaldurchgang
wohl nicht rechtzeitig erreicht. irel-421-et verließ seinen Sockel und es
entstand an seiner Stelle die Abbildung von igen-450-re, so stellte er sich
uns dann vor. Er sei der Leiter der Austausch Niederlassung der INSORINE
hier im System 003-420-100-011-NANROC und er heiße uns auf seinem Satelliten
willkommen. Ich stand bei der Begrüßung natürlich im Mittelpunkt. Trotzdem
bekam ich auch etwas vom Verhältnis der beteiligten Personen untereinander
mit.
Alleine die
Reihenfolge der Begrüßung war für mich schon interessant genug. Nach dem
igen-450-re mich überschwänglich offen und wirklich freundlich begrüßt
hatte, wechselte er zu den beiden TAARERN. Er behandelt sie wie alte
Bekannte. Alle drei winkelten die Arme vor ihrer Brust an und ließen sie
kreisen. Die drei wechselten einige Begriffe, für die mein UKOM aber
keine Übersetzung anbot. Bei der Begrüßung des OROREN hatte ich den
Eindruck, dass es igen-450-re unangenehm war, sich überhaupt mit
Enorel-oner-Devenor unterhalten zu müssen. Die beiden tauschten wirklich nur
die absolut nötigsten Begrüßungsformeln aus - ein knappes Nicken mit dem
Kopf und eine angedeutete Verbeugung. Schnell wechselte er zur ARILE, die er
aber auch nur mit einem sehr knappen Kopfnicken bedachte und erst beim TOLK
TERISON benahm er sich wieder wie ein aufmerksamer Gastgeber. Mein UKOM
übersetzte nur einige seiner Gesten als besonders höfliches Interesse an
irgendetwas. Es kam mir so vor, als führten die beiden schon irgendwelche
Verhandlungen.
Die beiden
TAARER, der ORORE und die ARILE verschwanden von ihren Betrachtungsflächen
und auch ich konnte ihrem Gespräch nicht weiter folgen, weil jetzt
irel-421-et meine Unterkunft betrat. Er wollte es sich nicht nehmen lassen,
mich persönlich zum Pendler zu bringen. So also begrüßen sich alte GAON
KORMA Mitglieder. Ich hatte wieder einige Besonderheiten in der Beziehung
alter Weggefährten untereinander mitbekommen, zumal keine der beteiligten
Personen sich die Mühe gemacht hatte, irgendetwas zu vertuschen. irel-421-et
griff wieder nach meinen beiden Koffern und ging voraus. Ich hatte kaum
Zeit, um mich bei ihm für seine Gastfreundschaft und seiner Hilfe bei der
Vorstellung der anderen Mitreisenden zu bedanken. Nur wenige Schritte - ein
Kabinendurchgang - und ich stand vor einem Pendler, ähnlich dem, der mich
vor drei erdeTagen auf seinen Raumpeiler gebracht hatte. Die Halle
allerdings, in der er stand, hatte mehr als die doppelte Größe. Ich sah auch
noch andere Fahrzeuge und schloss daraus, dass wir uns jetzt auf dem
Satteliten befanden. Die anderen Reisenden, oder die beiden /KIS Agenten,
konnte ich nicht mehr entdecken.
Auch für
irel-421-et schien diese Reise etwas Besonderes gewesen zu sein. Er sprach
bedauernd darüber, nicht ständig Gäste auf seinem Raumpeiler begrüßen zu
können, da seine Transporte eigentlich nur von den Rohstoffminen zu den
Verarbeitungssystemen der TAARER gingen. Und nur, weil er gerade die Menge
des VLO-NEG Minerals an Bord gehabt hatte, die bei den AGONTOS so dringend
gebraut wurde, sei ihm diese besondere Reise ermöglicht worden. Sieben
Reisende auf einmal und dann noch einen ~DES~ Reisenden dazu. Das sei
wirklich etwas vollkommen Neues für ihn gewesen. Ich fand, dass er sich
dafür ganz gut gehalten hatte, bis vielleicht auf die so überstürzt beendete
Verabschiedung kurz vor unserem Portaldurchgang. Unsicherheiten im Umgang
mit seinen Gästen hatte ich sonst jedenfalls bei ihm nicht feststellen
können.
Als mein
Pendler den INSORINE Satelliten verlassen hatte, musste ich doch über
irel-421-et schmunzeln. Er hatte nichts dabei gefunden, mich unauffällig zu
bedienen, um dann zuzugeben, dass es für ihn absolut ungewohnt gewesen sei.
Mich wunderte eigentlich nur die luxuriöse Ausstattung seines Raumpeilers.
Dafür, dass es bei ihm nicht so häufig vorkam, dass er Reisende zu
transportieren hatte, besaß sein Peiler aber sehr gut ausgestattete
Gästeunterkünfte. Oder gehörten sie zu den Mannschaftsräumen und sind für so
viele Gäste nur frei geräumt worden? Wie dem auch sei, ich habe den Luxus
eines Distanzraffers oder die Möglichkeit, die Unterkunft nach eigenen
Vorstellungen zu gestalten, auf dem Hotelsatelliten zu dem mich der Pendler
nun brachte, nicht vorgefunden. Dabei sollte das "Ruhe für Geist und Körper"
zu den ersten Adressen in System der Sonne 003-NANROC zählen. Das stand
wenigstens in den Unterlag der /KKK.
Die INSORINE
mussten wirklich ein sehr wohlhabendes Volk sein.
-2-
Mein Pendler
hatte keine Besatzung - was ich dann doch etwas sonderbar fand. Bei einem
kleinen Rundgang jedenfalls konnte ich niemanden finden. Alle Räume - vor
deren Tür ich nur lange genug stehen blieb - konnte ich betreten. Ich hatte
gerade einen leeren, großen, hohen und hellen Raum erreicht, der die
Zentrale des Pendlers hätte sein können, als sich die drei Wände gegenüber
des Eingangs vollkommen - bis zur Decke - in Betrachtungsflächen
verwandelten. Ich hatte den Eindruck, frei auf einem Außendeck zu stehen.
Rings um mich herum wurde der Weltraum dargestellt. Nur die Wand mit dem
Eingang, der Boden auf dem ich stand und die Decke über mir, boten eine
Orientierung.
So sah ich
die Welt 003-006-NANROC - um die der Hotelsatellit kreiste - zum ersten Mal
in ihrer ganzen Schönheit. So viel anders als die ERDE sah sie von hier oben
nicht aus. Sie hatte mehr Wasser und weniger Land und sie ist etwas kleiner.
Was diese Welt aber von der ERDE vollkommen unterschied sind die Massen von
Satelliten gewesen. Es mussten Tausende sein, die in verschiedenen Abständen
um 003-006-NANROC kreisten und es herrschte ein reger Verkehr zwischen
ihnen. Ich verstand jetzt auch, warum sie den Pendler fernsteuerten. Da
jeder Satellit seine eigene Bahn und seine eigene Geschwindigkeit hatte, gab
es gar keine Möglichkeiten, ständig gleiche Korridore für ein- und
ausfliegende Raumpeiler auszuweisen. Nur eine zentrale Stelle, die immer
über den Standort eines jeden Himmelskörpers, Satellit oder Pendler, Gravo-
oder Raumpeiler Bescheid wusste, konnte ein absolutes Chaos verhindern. Eine
solche Massierung von künstlichen Himmelskörpern in einem System erzwang
förmlich eine zentrale Verkehrssteuerung. Mein Pendler jedenfalls flog
direkt und ohne Umwege eine lange dünne Röhre an, die in der Mitte eine
kugelförmige Verdickung besaß. Dass war der Eingangsbereich des Hotels "Ruhe
für Geist und Körper". Die /KKK hatte mir hier eine Unterkunft angemietet.
Ich wusste in diesem Moment noch nicht, das es die letzten ruhigen Minuten
auf meiner ersten Reise gewesen seien sollten.
Nachdem ich
den Hotelsatelliten betreten hatte, war es vorbei mit dem Ideal einer
ruhigen Bildungsreise. Ich, als Person entwickelte mich zum absoluten
Mittelpunkt des gesamten Systems. Was alles auf mich einstürzte, kann ich
hier nur in Umrissen erzählen, weil ich selbst nicht alles begriffen habe.
Etwas aber verstand ich dann doch: einen ~DES~ Reisenden hatte es seit
langer Zeit hier nicht mehr gegeben! Ich, mit meinen 10 ~DES~, erschien
ihnen als die wertvollste Person in diesem System und alle wollten etwas
davon abhaben.
Seit meiner
Ankunft auf dem Hotelsatelliten habe ich übrigens auch einen ständigen
Begleiter. Der Erste TAAR persönlich hatte mir diese Begleitung verordnet.
Etahan-T001 hat mich seit dieser Zeit nie mehr aus den Augen gelassen.
Eigentlich tauchte er bei allen meinen Reisen irgendwann einmal auf.
Zugegeben, er hat mir in den Anfangszeiten meiner Reisetätigkeit sehr
geholfen. Eigentlich bin ich nur durch ihn auf die besondere Beziehung, die
uns MENSCHEN mit den TAARERN verbindet, aufmerksam geworden. Später
allerdings wurde er lästig und ich habe mehr als einmal versucht ihn
irgendwie wieder los zu werde.
In der
riesigen Eingangshalle des "Ruhe für Geist und Körper" empfing mich eine
unübersehbare Ansammlung von Humanoide – nur Humanoide Wesen. Ich konnte
keine einzige exotische Lebensform erkennen, wenn man einmal von den überall
herumstehenden XOS Büschen absah. Ein kleiner dicker Mann, der sich als Ogl
On Onera, IROITE und Verwalter des Satelliten vorstellte, empfing mich
überschwänglich laut und unempfindlich prahlerisch. Die Augen aller
anwesenden Personen hingen sozusagen an meinen Lippen. Alles, was ich von mir
gab, nahmen sie damals jubeln auf. Ich war über diesen Empfang so
überrascht, das ich heute nicht mehr genau weis, was ich damals überhaupt
gesagt habe. Es schien wohl auch keine Bedeutung gehabt zu haben. Die Massen
jedenfalls gaben sich unbeschreiblich begeistert.
So stelle ich
mir heute die "Alte Menschheit" vor, die für ihren Lebensweg immer mystische
Geschöpfe als Wegweiser ausgesucht hatte. Sie sollen diesen Geschöpfen -
oder deren Vertreter - wie eine Herde unintelligenter Tiere gefolgt sein.
Unkritisch und Unfähig eigene Gedanken zu entwickeln. Ich bin damals auf dem
besten Wege gewesen, auch so ein mystisches Geschöpf zu werden. Nur befand
ich mich nicht auf der ERDE und die "Tiere" kamen aus vielen Humanoiden
Zivilisationen eines Kosmischen Verbundes der sich GAON KORMA nannte.
Ich konnte
mich damals dieser um sich greifenden Mystifizierung überhaupt nicht mehr
entziehen. Als Beispiel will ich hier nur vom Entstehen der universellen
Geste berichten. Ein großer stattlicher IROITE fragte mich, was er machen
müsse, um so wie ich zu werden. Was sollte ich ihm darauf antworten? Immer
wenn sie mir solche oder ähnliche Fragen stellten, streckte ich die Arme
soweit ich konnte nach hinten, so das meine Brust heraus gedrückt wurde und
zuckte mit den Schultern. "Woher soll ich das wissen?" war damit gemeint.
Die Menge übernahm diese Geste und benutzte sie später hemmungslos bei allen
sich bietenden Gelegenheiten.
Etahan
erklärte mir später, das diese Reaktion der Leute auf einen ~DES~ Reisenden
gewünscht ist und sogar bewusst herbeigeführt werde. Einerseits sollte dem
neuen Mitglied so vermittelt werden, das die gesamte GAON KORMA auf ihn und
sein Volk gewartet hatte und andererseits sollten die alten Mitglieder alle
Schranken und Vorurteile gegenüber dem neuen Mitglied verlieren. Bei einer
Insektoiden oder noch fremderen Faunoiden Zivilisation ist der Abbau von
Vorurteilen bestimmt sehr wichtig gewesen. Ich dagegen musste damals alle
meine Kraft aufbieten, um nicht als neue Mystische Person in die Geschichte
GAONS einzugehen.
Ich befand
mich plötzlich in einer Lage, die ich so gefürchtet hatte. Meine Gesten und
meine Mimik übersetzten fast meine Gedanken, da ich mich immer noch nicht
verstellen konnte. Meine Überraschung, meine Verlegenheit - alles konnte von
den Massen erkannt werden. Meinem Ruf schien diese Offenheit aber nur zu
nutzen. Allerdings war mir damals nicht mehr klar, wie ich es jetzt noch
anstellen sollte, etwas über das Zusammenleben der verschiedenen
Zivilisationen untereinander heraus zu finden. Ich befand mich in einer
luxuriösen Umgebung und hatte nur andächtig lauschende, unkritische Personen
um mich herum. Keine gute Voraussetzung für meine Erkundungen.
Aber ich will
der Reihe nach erzählen. Es wird auch für mich eine Möglichkeit sein, etwas
von dem zu begreifen, was mir damals vielleicht entgangen ist.
Nach dem
stürmischen Empfang im "Ruhe für Geist und Körper" geleitete mich Ogl On
Onera zu einer der Wohnanlagen des Satelliten. Sie befand sich - von der
Eingangshalle aus gesehen - in der linken, röhrenförmigen Erweiterung,
ungefähr im ersten viertel, auf der rechten Seite. Alle Wohnungen des
Hotelsatelliten lagen links und rechts der Eingangshalle in diesen beiden,
mehrere Kilometer langen Röhren. Ausgehend von einer gepflegten,
verschwenderisch mit XOS Büschen ausgestatteten Grünanlage als Basis, reiten
sich die Wohnungen beidseitig terrassenförmig an- und übereinander, bis zur
durchsichtigen, gewölbten Überdachung. Der Eingangsbereich meiner Wohnung
befand sich in der zweiten Ebene. Über eine riesige Treppe führte mich OO
Onera zu ihr hinauf. Oben angekommen, drehte ich mich noch einmal um. In der
Grünanlage unter mir standen Hunderte von Humanoiden Wesen, die mir - wie in
einer Prozession - gefolgt waren und mir zu jubelten. Von den Terrassen der
Wohnungen auf der gegenüberliegenden Seite winkten weiter Personen. Alle
blieben auch dann noch vor meiner Wohnung stehen, als ich sie längst
betreten hatte.
Soweit ich
mich an diese Wohnung erinnern kann, bestand sie aus einem riesigen
Hauptraum der über drei Ebenen ging. An seinem Ende konnte ich die Welt
003-006-NANROC erkennen. Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob es nur eine
Wandfüllende Betrachtungsfläche oder ein wirkliches Fenster gewesen ist.
Wenigstens änderte sich der Blickwinkel während meines gesamten Aufenthalts
auf dem Satelliten nicht. Links und rechts führten breite Treppen auf die
erste Ebene, von der dann ebenfalls breite Treppen - vom Eingang aus
sichtbar - auf die jeweils zweite und dritte Ebene hinauf führten.
Fahrstühle oder Transportplattformen konnte ich nicht entdecken. Die
Eingangshalle erschien mir ansonsten eher kahl, bis auf die obligatorischen
XOS Büsche. Zwei richtige, normale Stühle sind alles gewesen, was an Möbeln
in der riesigen Halle stand. OO Onera führte mich noch durch die Räume der
Eingangsebene, die sich um die Halle gruppierten. Sie sind dann schon etwas
üppiger ausgestattet gewesen. Trotzdem fiel mir schon eine gewisse Kargheit
der Einrichtung auf. Bevor er beginnen konnte, mir auch noch die oberen
Ebenen zu zeigen, unterbrach ich ihn und bat um etwas Ruhe. Ich fragte nur
noch nach der Richtung des Schlafraums. Er verließ mit allen Personen, die
mit uns die Eingangshalle betreten hatten, schnell meine Wohnung nachdem er
mir diesen letzten Hinweis gegeben hatte.
Nach einem
langen Blick in den Weltraum machte ich mich dann auf die Suche nach den
Ruheräumen, die ich auch in der angegebenen Richtung fand. Die sanitären
Anlagen überraschten mich fast ein wenig. Ich erkannte wirklich ein
Waschbecken, eine Duschkabine, eine Wanne und eine Toilette - wie auf der
Erde, nur alles sehr viel größer und weiträumiger. Und es ist doch eine
kleine Umstellung, sich nach einer erfrischenden Dusche - mit richtigem
Wasser - selber abtrocknen zu müssen. Die Warmluftströme fand ich erst in
der Toilettenschüssel wieder. Was die Bequemlichkeit anging, empfand ich den
Körperdienst auf dem INSORINE Peiler um Klassen besser - bis auf die Zeit,
die ich für eine Entschlackungssitzung brauchte. Sie war hier im "Ruhe für
Geist und Körper" sehr viel kürzer. Es sind eben meine - von der Erde
gewohnten - Handgriffe gewesen. Wie schnell man sich doch an Luxus gewöhnen
kann.
Der
Schlafraum den ich vorfand, ist auch fast vollkommen leer gewesen. Ein
heller, großer und hoher Raum mit Blick auf die Grünanlagen meiner
Wohnröhre. Die vorgebaute Terrasse verhinderte, dass ich die mir gefolgten
Massen unten sehen konnte - ich hörte sie nur. In der Mitte des Raumes lag
die von der ERDE gewohnte Schlafmatte. Mein UKOM konnte mir bei der
Umgestaltung nicht helfen, da diese Dienste hier nicht eingerichtet waren. Es schien keine einheitlichen technischen Standards innerhalb der GAON
KORMA zu geben. Ein Raumpeiler der INSORINE, der eigentlich nur Mineralien
transportierte, ist besser ausgestattet, als ein Luxushotel der IROITEN.
Sogar das Fenster und den Vorhang musste ich selbst zuziehen. Zur
Ehrenrettung des Hotels sei darauf hingewiesen, das die Einrichtung so von
der /KKK bestellt worden ist. Nur die Größe der Räume und die technische
Ausstattung hatte die /Kooperative nicht mehr beeinflussen können. Später
sah ich auch andere Wohnungen hier, die ich durchaus als luxuriös einstuften
würde. Nach dem Liegesack der INSORINE empfand ich die harte Schlafmatte
jetzt als unbequem. Der weiche Fußboden auf dem sie lag, minderte den
Eindruck nur ein wenig. Wieder versuchte ich - mit einer Entspannungsübung -
mein Gleichgewicht wieder zu erlangen, kam aber nicht mehr dazu.
-3-
Ich muss
etwas Wirres geträumt haben. Ich erwachte erschreckt und fühlte mich keines
Wegs entspannt. Da ich mit dem Kopf zum Fenster lag, sah ich - als ich mich
aufrichtete - erst einmal nur die lehre Wand. Allmählich kam meine
Erinnerung wieder und ich verspürte eines der Existenziellsten Gefühle, zu
dem ein MENSCH überhaupt fähig ist - Hunger. Ich habe bis jetzt nichts über
das Essen im Allgemeinen oder das Essen auf dem INSORINE Raumpeiler im
Besonderen berichtet, weil es nichts zu berichten gab. Nahrung war für mich
bis zu diesem Zeitpunkt ausschließlich zur Aufrechterhaltung der
Körperfunktionen bestimmt gewesen. Die bunten, gut schmeckenden Pasten aus
dem INSORINE Spender, unterschieden sich nicht sonderlich von dem, was ich
auch sonst immer auf der ERDE gegessen hatte. Aber auf dem Hotelsatelliten
der IROITEN, im System 003-NANROC der TAARER lernte ich, was ich unter einem
Festmahl zu verstehen hatte.
Ich kleidete
mich an und macht mich auf die Suchte nach einem Nahrungsspender. OO Onera
hatte mir bei der Vorstellung keinen gezeigt. Erst als ich wirklich alle
Räume durchsucht und nichts Essbares gefunden hatte, rief ich ihn über
meinen UKOM an. Er fragte nach meinen Wünschen, was ich nicht so ganz
verstand. Was sollte ich wünschen? Ich wollte nur irgendetwas um satt zu
werden. Aber ich hatte begriff, das ich vorsichtiger mit meinen Äußerungen
seien musste. Ich habe nicht vergessen, wie bei meiner Ankunft alle -
sozusagen - an meinen Lippen gehangen hatten. So bat ich ihn, etwas für mich
zusammen zu stellen. Damit konnte man keinen Fehler machen, glaubte ich. Was
er dann persönlich brachte, lies mich zum ersten Mal auf dieser Reise
wirklich sprachlos werden.
OO Onera kam
mit einer Schwebeplatte, auf der sich verschiedene Behälter und andere
Gerätschaften befanden. Pasten oder sonstige Nahrungsmittel sah ich nicht.
In einem Raum auf der unteren Ebene begann er die Behälter zu öffnen. Einige
der Gegenstände, die ich nicht hatte zuordnen können, stellten sich als
Schneide- Mix- und Garungswerkzeuge heraus. Ich hatte eigentlich mit Säften
und kleinem Energiegebäck gerechnet, so wie ich sie auch auf der Erde
meistens gegessen hatte und die es in ähnlicher Form bei den INSORINE gab.
Natürlich erwartete ich nicht unbedingt die gleichen Geschmacksrichtungen,
schließlich bin ich 216 lichtJahre von der ERDE entfernt. Was mir OO Onera
dann aber auftischte, ist etwas so einmaliges gewesen, das mir heute noch
das Wasser im Munde zusammenläuft wenn ich nur daran denke.
Er
produzierte auf seiner Schwebeplatte kleine Köstlichkeiten. Sie bestanden
meist aus einem Geschmacksträger in den unterschiedlichsten Intensitäten,
angeordnet auf einem etwas neutraleren Untergrund. Meine Geschmacksnerven
nahmen immer erst den Aromaträger in seiner jeweiligen Ausprägung auf,
wurden dann durch den neutraleren Träger wieder etwas abgeregt, nicht aber
vollkommen neutralisiert. Diese kleinen Nahrungseinheiten hatten die Größe
einer halben Handfläche, eher kleiner. Sie besaßen alle geometrischen Formen
die ich kannte und OO Onera hatte sie zusätzlich noch farblich bearbeitet.
Da Messer oder Gabeln hier unbekannt zu seien schienen, reichte er mir zu
jeder Nahrungseinheit ein neues kleines Gerät, das durchaus Ähnlichkeiten
mit einer kleinen Schaufel hatte. Zwischendurch wies er auf verschiedene Getränke.
Es gab durchsichtige helle aber auch dunkle mit starkem Eigenaroma, süße,
herbe und sogar fast geschmacklose. Sicher waren auch berauschende Säfte
darunter. Meine Stimmung jedenfalls ist immer besser geworden. In einer
riesigen Hängematte liegend, sah ich Ogl On Onera auf einmal mit ganz
anderen Augen. War er mir bei meinem Empfang als oberflächlicher
Hotelverwalter erschienen, so erkannte ich ihn hier als äußerst feinfühligen
Zubereiter von phantastischen Speisen. Er erzählte über jedes seiner Werke
immer kleine Geschichten, wie ihr jeweiliger Name zustande gekommen seien
soll. Er erwähnte die Grundstoffe und Besonderheiten der Zubereitung. Mein
UKOM fand nicht für alle Begriffe eine Entsprechung. So übersetzte er
auch bei der letzten Nahrungseinheit den Begriff GLOON nicht. Es sollte der
Abschluss dieses Mahles werden.
Das - was
meine Geschmacksnerven jetzt an mein Gehirn lieferte, werde ich nie wieder
vergessen. Es begann mit einem leicht säuerlichen Hauch, der sich bei jedem
Kauen in seiner Intensität und in seiner grundlegenden Zustandsform änderte.
Es begann mit einem festen, leicht herben Geschmack, steigerte sich über
eine weiche, süße Zwischenstufe zu einem flüssigen - fast bitteren - Aroma.
Der neutralere Träger veränderte bei jedem Bissen die Intensität des GLOON.
Ich ertappte mich dabei, dass ich beim letzten Schlucken die Augen schloss,
um ja nicht durch visuelle Reize von diesem Geschmack abgelenkt zu werden.
Was GLOON eigentlich ist, weis ich bis heute nicht genau. Auf IROIT - dem
Hauptplaneten der IROITEN - versteht man darunter die Frucht eines kleinen
Baumes. Sie hat aber längst nicht das Aroma, was ich hier erlebt hatte. Auf
einer Welt der FRELL wird GLOON als Teil eines fischähnlichen Tieres
bezeichnet. Aber auch dieser Geschmack ist mit dem GLOON auf "Ruhe für Geist
und Körper" nicht zu vergleichen. Dieses GLOON ist später wiederholt der
Grund für einen Umweg über 003-NANROC gewesen. Ich weis, das dass jetzt etwas
großspurig klingt; zum essen mal eben einen Umweg von 216 lichtJahre zu
machen. Ist es auch. Aber das Erlebnis dieses Geschmackes war und ist es mir
bis heute wert.
In dieser
beschwingten, guten Stimmung machte ich dann auch die Bekanntschaft von
Etahan-T001. Er meldete sich über meinen UKOM an, als OO Onera gerade
meine Wohnung verlassen hatte. Ich musste mich fast aus der gemütlichen
Hängematte heraus rollen, um ihn in der Eingangshalle zu empfangen, so satt
fühlte ich mich nach diesem Essen.
Etahan
unterschied sich äußerlich nicht von den anderen TAARERN in der Aktivphase.
Mächtig, groß und kräftig, mit dem silbrig schimmernden, eng anliegenden
Einteiler und den Spitzmausähnlichen Gesichtszügen, umrahmt von schwarzem,
langen Kraushaar. Was mir auffiel, war der rote Kragen seiner silbrigen
Uniform. Etahan-T001 ist nie ein großer Redner gewesen und kam immer sofort
zur Sache. Auf ihn schien meine mystische Ausstrahlung, die mir hier so zu
schaffen machte, keinen Einfluss zu haben, was mich doch sehr beruhigte. Es
wäre für mich das schlimmste überhaupt gewesen, einen gläubigen Jünger als
Reisebegleiter zu bekommen. Was seinen Namen anging, klärte der schon einige
der Besonderheiten der Taarischen Zivilisation auf. Etahan ist eigentlich
eine Funktionsbezeichnung gewesen und bedeutete in etwa "Erweckt für
Sonderaufgaben". Was damit gemeint war, sollte ich noch kennen lernen.
Etahan-T001 ist einer der anpassungsfähigsten TAARER gewesen, dem ich je
begegnet bin. Das "T" in seinem Namen bedeutete, dass er im direkten Umfeld
des Ersten TAAR eingesetzt wird. Sind Vahan und Haharo nicht auch "T" TAARER
gewesen? Die 001 meinte seinen "Entstehungsplaneten". In seinem Falle ist
dass die Reprowelt 001 im Hauptsystem der TAARER. Funktion, Zuordnung und
Entstehungsort sind also schon im Namen eines TAARERS zu erkennen.
Etahan-T001
fragte auch nach der Bibliothek, die noch kurz vor meiner Abreise geliefert
worden war und der ich bis zu diesem Augenblick immer noch keine Beachtung
geschenkt hatte. Alle wollten immer nur dass ich mir diese Bibliothek
anschaute. Irgendwie ist meine Reise doch wohl etwas überstürzt worden. Für
eine gründliche Vorbereitung hatte ich einfach nicht die Zeit und auch nicht
die technischen Voraussetzungen gehabt. Ich erinnere nur daran, das erst
kurz vor meiner Abreise unser /InfoSpeicher an das KOSMIC-LINK angeschlossen
worden ist und in die Taarische Bibliothek konnte ich erst wenige Stunden
vor meinem Abflug Einblick nehmen. Ich hatte aber einfach nicht die Ruhe
gehabt, so kurz vor meiner ersten Reise in die Galaxis in einer Bibliothek
zu wühlen. Dass soll mir auch erst mal einer vormachen. Jetzt allerdings
musste ich es - auf sein Anraten hin - schleunigst nachholen. Er gab mir
fast so etwas wie Hausaufgaben auf. Thema sollte sein: die TAARER und ihre
Zivilisation. Etahan, wie ich ihn ab jetzt nur noch nannte, gab mir zwei
erdeTage also 48 erdeStunden um mich mit der Bibliothek vertraut zu machen.
Danach wollte er mit einem Besichtigungsprogramm wieder kommen. Bis dahin
würde er dafür sorgen, dass ich von den religiös verzückten Massen nicht
mehr belästigt werde. Ich begann nach Etahans Abgang also erst mit der
Durchsicht der Bibliothek der TAARER, auf einem Satelliten der IROITEN, im
System 003-NANROC. Die Hotelleitung musste meine persönliche Zeiteinstellung
auf die Wohnung übertragen haben, so das es hell und dunkel wurde, wie mein
Körper es noch von der Erde gewohnt gewesen ist.
-4-
Im Koffer
befanden sich 20 würfelförmige Informationsspeicher, die ich aber erst
einmal zuordnen musste. Alle sahen gleich aus - bis auf einen großen
Buchstaben aus unserem Alphabet. Ich wählte natürlich den Würfel mit dem
großen roten "T" und schob ihn in das Lesekästchen. Ich war gespannt wie die
Darstellung der Information erfolgen würde, eine Betrachtungsfläche hatte
ich im Koffer nämlich nicht gefunden. Die brauchte mein Lesekästchen auch
nicht. Es baute einen imaginären Würfel vor mir auf, in dem die
Informationen dreidimensional dargestellt wurden. Die Größe des Würfels
konnte ich mit meinem UKOM wählen. Um nicht gestört zu werden,
schaltete ich auf die größte Betrachtungsstufe um und fand mich selber
innerhalb des Würfels wieder. Mein ganzer Körper erfuhr so die
Informationen.
Ich ging mit
meinen Fragen wirklich systematisch vor. Wer sind die TAARER? Woher kommen
sie? Was ist ihre Aufgabe innerhalb der GAON KORMA? Ich meinte damals, dass
ich über die TAARER eigentlich genug wusste und hatte die Fragen nur der
Ordnung halber gestellt. Der nun folgende Informationsschwall beinhaltete
aber doch einige Neuigkeiten.
Die TAARER
zählen sich selbst zum Rassenstamm der Neu-Humanoiden. Das wurde auch auf
der Erde geleert. Gemeint war in diesem Falle aber, das die RAHNN - als
Gründer der Taarischen Zivilisation - vor 180 Dekaden die Humanoide Form
"wählten" und sie nicht das Produkt der Evolution sei! Davon hörte ich zum
ersten Mal. Diese Körperform sollte nur aus dem einzigen Grund ausgesucht
worden sein, weil der Humanoide Rassenstamm, also die OROREN und ARILEN und
einige andere Zivilisationen, zu diesem Zeitpunkt die größte und mächtigste
Entwicklungslinie in GAON darstellte. Also gehören die TAARER eigentlich zum
Rassenstamm der PLASMA Nachfolger und die Neu-Humanoiden sind nur ein
Entwicklungszweig. Wenn man es genau nimmt, gehören auch wie MENSCHEN, als
Mitglied des Humanoiden Stammes nur als Entwicklungszweig zur Obergruppe der
Faunoiden Rassen. Nur der weiten Verbreitung wegen und des Einflusses der
OROREN auf die Geschichte GAONS, lässt den gesamten Zweig heute als
eigenständige Entwicklungslinie erscheinen. Die Einteilung der
Zivilisationen in Rassenstammbäume, innerhalb der GAON KORMA Richtlinien,
erschien mir doch sehr willkürlich.
Die
genetische Grundlage der TAARER ist also das PLASMA. Es ist keine
körperliche Lebensform so wie wir sie kennen, sondern eine Ansammlung
verschiedener Moleküle, die alle gleichzeitig dieselben Funktionen ausüben
können. Einen Organismus wie wir MENSCHEN ihn besitzen, in dem sich die
verschiedenen Zellverbände spezialisiert haben, kann das PLASMA nicht
vorweisen. Ein Gehirn oder Organe sind ihm unbekannt. Aus dieser neutralen
Substanz also formten die RAHNN vor 180 Dekaden das Erscheinungsbild der
heutigen TAARER. Den - einer Spitzmaus gleichenden - Kopf gestalteten sie
als individuelles Erkennungszeichen. Innerhalb der heutigen Taarischen
Zivilisation wird eine neutrale, genetisch "überarbeitete" PLASMA
Grundsubstanz, auf den so genannten Reprowelten, in Großtechnischen Anlagen
industriell erzeugt und in einem weiteren Schritt zu einem Einzelwesen
"verarbeitet". Die Intelligenz und das fachliche Wissen des jeweiligen
Einzelwesens wird durch die Aufladung der Gesamtmoleküle mit der BASISPOOL
Energie, je nach der gewünschten Funktion erreicht. Etahan ist mir also auf
den Leib geschrieben, gut zu wissen. Daher gibt es auch keine Kinder oder
heranwachsende TAARER. Sie kommen alle, voll ausgebildet im biologischen wie
im Intellektuellen Sinne, von ihren Reprowelten.
Also hatte
Albert doch mit seiner These Recht gehabt, dass die TAARER eine von den
RAHNN künstlich erschaffene Lebensform sind. Nur - wer sind die RAHNN? Warum
konstruierten sie, so muss man ja schon sagen, ein Volk wie die TAARER? Vor
180 Dekaden allerdings. Das sind umgerechnet 180.000 GKZe, mal 1,53 - ein
dagorJahr - wären 275.400 erdeJahre!!!
Wir - die
MENSCHEN - existieren seit 2030, das sind nur 130 erdeJahre. Und wenn man
mal der Alten Menschheit vertraute würde - was mir sehr schwer fällt -
konnte sie ihre Geschichte nur auf ungesicherte 8000 erdeJahre
zurückverfolgen. Wieso konnte die GAON KORMA eigentlich - über solche
Zeitdimensionen hinweg - gesicherte Informationen über den Ursprung ihrer
Mitglieder besitzen? Ich - mit meiner eigenen bewussten Geschichte von
vielleicht 20 erdeJahren - meine erste bewusst erlebte Erinnerung muss ich
gehabt haben als ich 3 Jahre alt war, irgend etwas mit Wasser und Sharei
drückte mich an ihre Brust - ich verlor sozusagen den Boden unter den Füßen.
Diese Zeitdimensionen sind damals einfach zu gigantisch für mich gewesen.
Aller Elan und alle Neugier verschwanden kurzzeitig aus meinem Bewusstsein
und hätte sich nicht ein Essensrest, mit diesem phantastischen GLOON aus
meinen Zähnen gelöst, ich weis nicht, ob ich alle meine Reisen hätte
durchführen können.
Zu erfahren,
dass der Ursprung der eigenen Zivilisation bewusst herbeigeführt worden ist,
hätte mich zu diesem Zeitpunkt doch ziemlich aus der Bahn geworfen. Das
schien die TAARER heute nicht weiter zu stören, sonst hätten sie diese
Informationen nicht in den Bibliothekswürfel eingegeben. Und dass sie heute
doch Individualisten sind, hatten mir die beiden alten TAARER Vahan und
Haharo doch auch deutlich gezeigt. Ich durfte der Entstehungsgeschichte
einer Zivilisation nicht mehr die fundamentale Wichtigkeit zu ordnen, wie
ich es bis dahin getan hatte. Heute bin ich froh damals zu dieser Erkenntnis
gekommen zu sein. Nur so konnte ich die Wahrheit über die Herkunft meines
eigenen Volkes später überhaupt verkraften.
Der Würfel
klärte mich auch über die aktuellen Politischen Realitäten in GAON auf. So
stellte er die Zivilisation der TAARER als die größte wirtschaftliche und
militärische Macht innerhalb der GAON KORMA dar. Es wurde nur noch einmal
bestätigt, was ich sowieso schon wusste. Nur die Dimensionen sind damals neu
für mich gewesen.
Genau 39.405
Sonnensysteme gehörten zu ihrem direkten Einflussgebiet. Sie hatten 42.602
SSA Welten besiedelt, wovon ungefähr die Hälfte erst durch die Anlage einer
künstlichen Atmosphäre bewohnbar gemacht worden sind und sie besaßen 199
Reprowelten. 113.952.949 Sonnensysteme gehörten zu ihrem Sternenkatalog,
standen somit unter ihrem direkten Einfluss. Etwa 40 % ihrer Bevölkerung von
852 Milliarden Individuen lebten ständig auf Satelliten. Die Zwanzig
wichtigsten Handelsstützpunkte in GAON werden von ihnen kontrolliert. Ihre
Handelsflotte bestand aus Millionen von Raumpeilern, die innerhalb des
Galaktischen Handelssystems absolut vorherrschend sind. Die größte
Humanoiden Zivilisation - die IROITEN - kam erst an fünfter Stelle. Sie
besitzen weniger als ein zehntel der Taarischen Größe.
Selbst wenn
man alle 62 Humanoiden Völker - die heute Mitglied der GAON KORMA sind - als
eine Einheit wertete, kamen sie nur auf ein viertel der Größe der Taarischen
Zivilisation. Aber dieser Vergleich ist auch nicht realistisch, da viele
dieser Völker unter der direkten Kontrolle der TAARER stehen - so wie wir
MENSCHEN auch.
Zusätzlich
kontrollierten sie noch die gesamten Rassenstämme der Neu-Humanoiden, der
NEPLASMA Nachfolgezivilisationen und die PLASMA Entwicklungslinie selbst. So
hatten sie um sich herum die eigenständigen Völker der INSORINE und der
EMPORIDEN aufgebaut - um nur zwei der wichtigsten zu nennen. Selbst ihre
Erzeuger - die RAHNN - sind heute von ihnen abhängig. Diese Zahlen ließen
mich dann doch etwas nachdenklich werden. Diese Größe und dieser Einfluss
den die TAARER besaßen, machte das die GAON KORMA tatsächlich erst möglich?
Keiner der anderen 278 Mitglieder der Vereinigung konnte es sich erlauben,
gegen ihre Richtlinien zu verstoßen, weil sie es dann sofort mit den TAARERN
zutun gehabt hätten. Hält Angst diese Organisation zusammen? Das wäre
allerdings eine schlechte Voraussetzung für das friedliche zusammenleben so
vieler unterschiedlicher Lebensformen gewesen. Aber irgendwie funktionierte
es seit 51 Dekaden ja, trotz der wirtschaftlichen und militärischen
Übermacht einer einzigen Zivilisation. Es musste noch etwas anderes geben
was diesen Verbund zusammenhielt. Der "T" Würfel konnte mir allerdings
darauf keine Antwort mehr geben. Meine gute Stimmung jedenfalls ist damals
erst einmal verflogen.
Ich bin wohl
auch etwas verstimmt über Etahan gewesen. Er hatte mich ja fast gezwungen
die Bibliothek zu durchsuchen. Erhoffte er sich mehr Respekt ob der Größe
seiner Zivilisation? Ich weis nicht ob er einen Anspruch darauf gehabt
hätte. In den 48 erdeStunden jedenfalls arbeitete ich alle 20 Würfel durch.
Die meisten Wahrheiten sind heute allgemein bekannt und nur einige wenige,
sehr spezielle Eigenarten einiger Lebensformen, werden auch heute noch nicht
öffentlich ausgesprochen. Da ich mit diesen Zivilisationen bis heute nicht
zusammen gekommen bin und so zu diesen Besonderheiten kein eigenes
Anschauungsmaterial besitze, will ich auch darüber schweigen.
Das überlasse
ich anderen Reisenden.
Hauptsächlich
bekam ich einen Einblick in die politischen Strukturen von GAON. Auffällig
für mich ist es gewesen, das von der Organisation GAON KORMA eigentlich
selten die Rede war. Die Bibliothek ging auf die Zivilisationen und ihre
Funktionen direkt ein. Ob oder wie eine Koordinierung der Aufgaben erfolgte,
erklärten sie nicht. So ist mir zum Beispiel nicht klar, wie oder mit was
das Volk der IT´ONS kontrolliert wurde. Sie übten in GAON die Funktion einer
Sicherheitstruppe nach innen aus. Über den Galaxis weit operierenden Dienst
ODERNE nahm sie Einfluss auf die Innere Stabilität der politischen
Systeme aller Mitglieder. Die IT´ONS aber sind Humanoide. Mit welchen
Vorgaben sollte sie beispielsweise eine Reptiloide Lebensform wie die
CHEENUSI beeinflussen? - denn dass taten sie. Das die IT´ONS keine eigene
Machtpolitik betreiben durften, musste klar und gesichert sein. Wenn sie
eingriffen, dann nur im Auftrag der Organisation. Die GAON KORMA besaß aber
keine ständigen Organe. Nur alle 100 GKZe trafen sich die Vertreter aller
Mitglieder auf der Wüstenwelt DAGOR. In der Zwischenzeit gab es keinen
direkten Ansprechpartner. Und das bei der Versammlung eine Art
Rechenschaftsbericht der jeweiligen Fachvölker vorgelegt wurde, davon stand
nichts in der Bibliothek. Meine Fragen dahingehend konnte mir das System
nicht einmal beantworten, da es den Begriff Rechenschaftsbericht gar nicht
kannte. Die Offenzeit, wie dieses Zusammentreffen auch genannt wird, hatte
sowieso eigentlich nur einen repräsentativen Charakter. Es kamen mir noch
einige andere Einträge unklar vor, obwohl sich ein Würfel hauptsächlich um
die inneren Auseinandersetzungen verschiedener Zivilisationen in den 51
Dekaden der Existenz der Organisation kümmerte.
Nötig
geworden ist die ODERNE wohl hauptsächlich durch das Verhalten der
Humanoiden KAILECH. Sie sind das einzige Volk, das in den Anfangszeiten der
GAON KORMA wieder ausgeschlossen werden musste. Nach ihrem Beitritt fühlten
sie sich den Grundsätzen der Organisation nicht mehr verpflichtet, was immer
damit gemeint war. Dass die KAILECH eine Ansammlung von extremen
Individualisten sind, die keine Autoritäten akzeptierten, musste die GAON
KORMA vorher schon gewusst haben, aber genau das ist die offizielle
Begründung für ihren Ausschluss gewesen. Die Ausgeschlossenen mussten damals
vom Rest GAONS isoliert werden und dafür brauchte man als Polizeidienst die
ODERNE. Was damals wirklich vorgefallen ist, davon fand ich nichts in
der Bibliothek.
Ich bekam von
der Hotelleitung regelmäßig kleine Mahlzeiten in meine Wohnung geliefert.
Nicht unbedingt immer die raffinierten Köstlichkeiten, die mir OO Onera
zubereitet hatte, aber doch exotische Gerichte in kleinen Schalen, serviert
von einer Schwebeplatte. Serviceleute schien es hier nicht zu geben.
Ansonsten verbrachte ich die 48 erdeStunden vollkommen allein, ohne Kontakt
zu irgendeinem Gast oder sonstigen Personen. Etahan hatte ganze Arbeit
geleistet. Die Zeiteinteilung auf dem Satelliten musste auch eine vollkommen
andere sein, als die des Planeten, um den er kreiste. Wenn ich auf
003-006-NANROC blickte und unter mir die Nachtseite auftauchte, war hier
oben trotzdem immer alles hell erleuchtet und es herrschte in den
Grünanlagen die ganze Zeit über ein reges Treiben. Von der Terrasse meines
Schlafraumes aus hatte ich einen weiten Blick über meinen Teil der
Hotelröhre und es ist immer interessant gewesen, die Gruppen von Personen zu
beobachten, die unten vorbei gingen oder auf den Terrassen der
gegenüberliegenden Wohnungen saßen, zumal sie mich nicht zu bemerken
schienen. Insgesamt zwei Ruhezeiten meldeten sich durch eine langsame
Verdunklung der Räume in meiner Wohnung an. Es ist sogar richtig still
geworden, obwohl ich die Fenster in meinem Schlafraum offen gelassen hatte.
Wahrscheinlich wieder so eine Technische Besonderheit, um ein Humanoides
Wesen an seine Zeitgewohnheiten zu erinnern.
Die
Durchsicht der Bibliothekswürfel hatten bei mir mehr offene Fragen
hinterlassen als sie geklärt haben. Sie sind voll mit Fakten gewesen, wann
welche Zivilisation beigetreten ist, welche Funktion sie hatte. Es gab einen
kleinen Überblick über die Geschichte einer Lebensform, gespickt mit Namen
ihrer wichtigen Persönlichkeiten. Man konnte schnell den Überblick über das
Wesentliche verlieren. Zu einer Erkenntnis kam ich aber: so einheitlich wie
die GAON KORMA immer dargestellt wird, ist sie gar nicht! Es begann schon
mit dem Entwicklungsgrad eines Mitgliedes, der von 1001 bei den KANATIREN
bis zu 1452 Einheiten bei RASSILO schwanken konnte. Über 1000 Einheiten
musste man mindesten haben, um überhaupt aufgenommen zu werden und wir
MENSCHEN, mit unseren 1012 sind da nicht einmal die letzten. Dabei ist mir
nicht einmal klar geworden, nach welchen Kriterien ein Volk überhaupt
bewertet wird. Ein Würfel sprach vom Aggressionsgrad, der biologischen
Entwicklung und vier weiteren Testpunkten, die zusammengenommen den
offiziellen Entwicklungsgrad einer Lebensform ergaben. Die Humanoiden LAAT
sind als die dafür verantwortliche Fachzivilisation genannt. Sie treten als
so genannte Zivilisationstester auf und ihre Bewertung ist ausschlaggebend
für einen Beitritt. So viel scheinen sie heute nicht mehr zutun zu haben.
Seit 600 GKZe oder 900 erdeJahren sind wir das einzige neue Mitglied. Auch
sie werde ich wohl bereisen müssen. Einen einheitlichen technischen Entwicklungsgrad
schien es überhaupt nicht zu geben. Die Floriden XOS Stammbaum Rassen sind
dafür der beste Beweis. Keine der vier Zweige der Blumenbüsche besitzt
überhaupt eine technische Basis. Was sie sind und wo sie sind, verdanken sie
den OROREN. Dabei haben sie einen offiziellen Entwicklungsgrad von 1049 bis
1082 Einheiten. Es gab noch einige weitere Unklarheiten, die ich nicht
verstand. Anstelle der Übersicht hatten mir die Würfel eher das Gegenteil
eingebracht.
Meine zweite
Schlafperiode begann ich wieder mit einer geistigen Entspannungsübung.
Irgendwie aber kam ich meinem Ruhepunkt auch diesmal nicht näher. Die Flut
der Informationen hatte mich verwirrt. Meine festen Denkrahmen über die
Funktionen der Völker innerhalb der GAON KORMA waren aufgebrochen und ich
musste nach einigen dringenden Antworten suchen. Ich hatte mein Weltbild von
irdischen Verhältnissen übernommen, was in einer Kosmischen Zivilisation so
nicht mehr funktionieren konnte.
-5-
Ich erwachte
plötzlich durch einen melodischen Gong. Es war das erste Mal, das ich dieses
akustische Signal hörte und ich versuchte erst einmal mich zu orientieren.
Mein UKOM hatte mich geweckt. Das tat er zum ersten Mal und es ist
mir nicht bewusst gewesen, ihm das gesagt zuhaben. Etahans Frist lief ab und
mein UKOM hielt es für nötig, mir das zwei erdeStunden vorher zu
sagen. Meine gesamte Zeiteinstellung basierte immer noch auf der Ortszeit
von Neuyork. Auf dem Raumpeiler hatte ich nur zwei Ruhepausen eingelegt und
auf dem Hotelsatelliten drei. Nach meinem Gefühl sind bis jetzt sechs
erdeTage vergangen. Ein Blick auf meinen UKOM aber zeigte den 10.
Dezember 0/2152, 8:00 morgens, Zeitbasis Neuyork /ERDE /SONNE /GAON an. Auf der
ERDE erfolgte die Zeitübermittlung einheitlich über einen zentralen Sender.
Es gab keine unabhängigen Zeitmeßsysteme mehr. Da ich nicht davon ausgehen
konnte, dass die Sender bis 003-NANROC reichten, musste es andere Wege der
Übermittlung geben. Denn das die von meinem UKOM angegebene Zeit
nicht stimmen könnte, dieser Gedanke kam mir damals überhaupt nicht.
Noch auf
meiner Matte liegend, schaltete ich meinen UKOM auf den /INFOSPEICHER
um. Die /KIK Nachrichten brachten Neuigkeiten von der ERDE. Dort schienen
alle mit der Anpassung an GAON KORMA Standards beschäftigt zu sein. Ein
Bericht über die Neueinrichtung des ZSep interessierte mich am meisten.
Dieser Zeitstrom Separator wie er vollständig hieß, ist verantwortlich für
meine persönliche Zeitbasis, auch hier im System 003-NANROC. Er ist der
wesentliche Bestanteil aller kosmischen Zivilisationen. Nur mit ihm sind
überhaupt zeitlich zusammenhängende Kulturen über lichtJahre hinweg möglich.
Und der wurde auf der ERDE neu eingerichtet? Ich hoffte nur, dass er meine
Zeitbasis hier nicht durcheinander brachte.
Der Bau des
Empfangssatelliten machte Fortschritte und die Einrichtung des Galaktischen
Finanzsystems sei erfolgreich abgeschlossen worden. Das konnte heißen, dass
meine alte ID-Karte auch hier gültig ist. Die /KKH hatte von den IROITEN
einen Raumpeiler gekauft und begann mit ihrem kosmischen Handelsgeschäft.
War nicht auch Ju Han - eine der 10 Reisenden für die ERDE - eine /KKH Frau
gewesen? In Neuyork gab es Schneeregen bei Temperaturen von +3 Grad °. Ich
erinnere mich noch sehr gut daran, welche Sicherheit und welches Wohlbehagen
ich damals beim betrachten der Nachrichten von der ERDE empfand. Irgendwie
schien es für mich vollkommen normal zu sein, auf einem Hotelsatelliten -
216 lichtJahre von der ERDE entfernt - ihre Neuigkeiten zu genießen. Und ich
bin interessiert gewesen - was früher, als ich noch auf der ERDE lebte nicht
unbedingt der Fall gewesen ist. - Früher ist gut - Ich bin erst sieben Tage
von der ERDE entfernt und es kam mir schon wie eine Ewigkeit vor.
In meinem /IS
Konto befanden sich an diesem Morgen keine Nachrichten. Das ich dass /KIS
Pärchen abgewiesen hatte, schien Gus nicht weiter zu interessieren. Ich
stand auf und nach meinen Übungen und nach einer Dusche stand ich frisch und
munter in der Eingangshalle, als die Schwebeplatte mir mein kleines
Frühstück brachte. Von "klein" konnte dann eigentlich auch nicht mehr die
Rede sein. Etahan kam wenige Minuten später und hatte dass der Hotelleitung
wohl auch gesagt. So nahmen wir beide zum ersten Mal das Frühstück zusammen
ein. Ich war entspannt, Etahan war entspannt, in Neuyork war es kalt, alles
ist in Ordnung - es konnte losgehen.
Das Etahan
nicht dass selbe aß, was die Hotelleitung für mich zusammengestellt hatte,
muss ich hier wohl nicht besonders erwähnen. Er wählte die Pasten, die ich
auch auf dem INSORINE Raumpeiler gegessen hatte. Ich aber konnte wieder
einige neue Schöpfungen von OO Onera genießen. Etahan fragte nicht nach der
Bibliothek, was mir an diesem Morgen sehr recht war. Er begann, mir einen
Zeitplan für die nächsten zwei erdeMonate vorzulesen. Ich sollte in der
nächsten Zeit erst einmal dem Taarischen Systemverwalter, einigen
Technischen Leitern, dem offiziellen Vertreter der GAON KORMA und einigen
wichtigen Personen aus dem Wirtschaftsleben des Systems vorgestellt werden.
Ein Besuchsprogramm, um die wichtigsten Sehenswürdigkeiten kennen zu lernen,
sollte sich anschließen. Von allen Orten die er aufzählte, kam mir an diesem
Morgen nur das "Entwicklungsmuseum für befreundete Zivilisationen"
interessant vor. Mit dem Besuch der Systemtechnik Satelliten konnte ich mich
nicht besonders anfreunden. Die Bestimmtheit von Etahan aber gab mir nicht
den Mut zu einem Widerspruch. Ich bin Gast in diesem System und wenn erst
einmal der offizielle Teil beendet sei, könne ich ja immer noch eigene
Wünsche äußern - so dachte ich damals.
Der Besuch
beim Systemverwalter stand natürlich an erster Stelle. Er residierte nicht
auf 003-006-NANROC - wen wunder das noch - sondern auf einem Satelliten, der
zwischen dem vierten und fünften Planeten um die Sonne 003 kreiste. Dieser
Satellit ist das größte, frei schwebende Gebilde was ich bis dahin gesehen
hatte. Die TAARER schienen Quadrate besonders zu lieben. Auf einer solchen
Plattform, mit einer Kantenlänge von über 400 Kilometern und einer Höhe von
ca. 50 Kilometern, erhoben sich auf jeder Seite jeweils eine Pyramide ohne
Spitze von etwa 300 Kilometern Höhe. Sie dienten als Hauben für die auf der
jeweiligen Plattformseite aufgebauten Gebäude. Beide schienen durchsichtig
zu sein und sollten wohl nur das Entweichen der Sauerstoff Atmosphäre
verhindern. Die Schmalseiten der Grundplatte sind, wie auch beim INSORINE
Satelliten, die Anlegefläche für Raumpeiler gewesen. Und die TAARER besaßen
riesige Peiler. Plump wirkende kurze, eckige Röhren mit einer Kantenlänge
von über 1000 Metern und einer Höhe von über 3000 Metern. Die Spitzen
allerdings liefen nicht kantig zu wie bei den INSORINE Peilern, sondern
besaßen eine runde, kuppelförmige Konstruktion. Auch die austauschbaren
Triebwerksröhren der INSORINE besaßen sie nicht. Entweder brauchten die
TAARER nur bestimmte Antriebsdienste, oder sie hatten alle bekannten
Technologien bereits fest eingebaut. Die INSORINE dachten wahrscheinlich nur
wirtschaftlicher. An den Schmalseiten der Grundplatte des Satelliten, den
wir anflogen, lagen unzählige dieser Raumschiffe. Dicht an dicht und in bis
zu fünf Reihen übereinander, mit der Spitze nach vorne, ragten sie aus dem
Satelliten heraus.
Unseren
Besuch will ich hier nicht in allen Einzelheiten beschreiben. Zugegeben habe
ich auch kaum noch eine Erinnerung daran. Ein Pendler brachte uns beide zu
diesem riesigen Gebilde, wir wurden vom Systemverwalter in seinen Räumen
freundlich empfangen. Etahan sprach von unseren Plänen, freundliche
Verabschiedung, das war’s. Der Besuch hatte keine 30 erdeMinuten gedauert.
Dann saßen wir wieder im Pendler, der uns noch zu drei weiteren Satelliten
ähnlicher Größe brachte. Auf allen wiederholten sich die gleichen
Begrüßungen, freundlich, interessiert, Verabschiedung und schon fand ich
mich auf unserem Pendler wieder. An diesem Tag hatte ich die politische
Führung des Systems 003-NANROC kennen gelernt ohne es so richtig zu
begreifen. Natürlich sind es immer TAARER gewesen die wir besucht hatten. Es
ist ja eines ihrer 20 Wirtschaftssysteme. Es blieb aber auch dabei. Alle
weiteren Besuche, die Etahan und ich in den nächsten 24 erdeStunden machten,
galten Humanoiden Personen - bis auf VELL VANN, einem EMPORIDEN Händler. Er
ist der letzte auf der Besucherliste gewesen, aber auch der
interessantesten.
Der Satellit
des offiziellen Vertreters der GAON KORMA, bestand aus einer runden Scheibe
mit elliptischem Aufbau. Die obere Kuppel ist auch hier durchsichtig
gewesen. Nur überspannte sie keine Gebäude wie bei den Satelliten der
TAARER, sondern eine verschwenderische Grünanlagen. Der ungefähre
Durchmesser betrug vielleicht nur 150 Meter. Für die politische Bedeutung
seines Bewohners erschien mir die Größe des Satelliten eher gering. Es
stellte sich dann heraus, das es nur die Wohnung des OROREN Elon-per-Junreil
war. Die eigentliche Verwaltung befand sich - oh wunder – auf der Oberfläche
von 003-006-NANROC. Wir wurden von ihm mit der gewohnten Ororischen
Zurückhaltung empfangen. Auch hier stellte Etahan unsere Besuchsliste vor.
Elon-per-Junreil lies sich allerdings noch zu einem kurzen Gespräch herab,
bevor er uns reserviert, aber nicht unfreundlich verabschiedete. Es folgte
der Besuch bei der ARILE el-Anslin-Delrigen, die sozusagen die Anlaufstelle
bei Fragen der Kommunikation der Gastzivilisationen untereinander im System
003-NANROC ist und bei Gego Ge Garendin, einem wichtigen IROITEN, der von
hieraus sein Organisationsgeschäft betrieb. Die beiden residierten natürlich
jeweils auf einem eigenen Satelliten, von dem keiner eine einheitliche Form
besaß. Sie kreisten wie chaotische Gebilde, die je nach Bedarf mit
Wohnzylindern, Grünraumkuppeln oder Verwaltungsplattformen ergänzt worden
sind, um 003-006-NANROC. Die beiden besaßen aber auch ständige
Verwaltungsniederlassungen auf der Oberfläche des Planeten und beide hatten
uns mit geschäftsmäßiger Freundlichkeit empfangen und uns schnell wieder
verabschiedet.
Ich erzähle
von diesen Vorstellungsbesuchen nur der Ordnung halber. Wahrscheinlich ist
der Empfang doch freundlicher gewesen, als ich ihn in Erinnerung habe. Wir
erhielten von allen Besuchten Einladungen zu einem Fest, das jeder extra für
mich geben wollte. Ich kann mich auch nicht mehr genau erinnern, ob sie
diese Einladung bei unserem Besuch schon ausgesprochen hatten oder ob sie
nachgereicht worden sind. Das einzige woran ich mich wirklich vollständig
erinnern kann, ist der Besuch bei VELL VANN. Wahrscheinlich deshalb, weil
wir dafür zum ersten Mal auf 003-006-NANROC landeten. Seit meiner Abreise,
vor neun erdeTage, betrat ich zum erstem male wieder einen Planeten und ich
war erleichtert. Ich spürte keinen direkten Unterschied was die Schwerkraft
und die Luftzusammensetzung anging. Irgendwie hatten sie es immer geschafft
- auf allen Peilern und Satelliten die ich benutzte - die gleiche
Schwerkraft und die gleiche frische Luft, wie auf der ERDE zu erzeugen. Aber
es gab hier Winde, Gerüche und das Geräusch der Natur. Seltsam zirpende
Laute und das Bellen von kleinen Landtieren und noch viele andere Geräusche,
die einzeln nicht unbedingte zuzuordnen waren, aber in ihrer Gesamtheit
einfach irgendwie Guttaten.
Der Pendler
hatte uns zu einem riesigen, parkähnlichen Anwesen gebracht, das nicht auf
dem einzigen Kontinent von 003-006-NANROC lag, sondern auf einer der drei
größeren Inseln dieser Welt. Etahan hatte natürlich meine Erleichterung beim
Betreten des Planeten bemerkt. Er sprach davon, dass es Hotels mit der
Ausstattung eines "Ruhe für Geist und Körper" hier auf der Oberfläche nicht
mehr gab. Die meisten Gäste, die länger im System 003-NANROC blieben,
brachten ihre eigenen Satelliten mit und für Durchreisende hätten sich die
Hotelsatelliten als beliebter erwiesen. Nicht alle vertrugen schließlich die
Natur von 003-006-NANROC. Es sei schon etwas besonderes, wenn ein Gast
ständig hier lebte - wie eben VELL VANN. Was er genau damit meinte, bekam
ich sehr schnell zu spüren. Insekten, die in Schwärmen hinter einem her
sind, gab es auf Satelliten natürlich nicht. Etahan hatte aber vorgesorgt.
Keines der Insekten kam näher als 2 Meter an mich heran. Er hatte irgendein
Sicherungsfeld um mich aufgebaut. Womit er dieses Feld erzeugte, konnte ich
allerdings nicht erkennen. Technische Geräte - außer unsere UKOMS -
hatten wir nicht dabei.
VELL VANN
selber hielt ich im ersten Moment für ein einheimisches Reptil, als er sich
uns entgegen schlängelte. Er gehörte zu einem Untervolk der EMPORIDEN, den
SKELKS und die waren auf der Erde sehr gut bekannt. Mit ihrem Auftauchen vor
150 erdeJahren begann eigentlich erst unsere kosmische Geschichtsschreibung.
Sein Schlangenkörper ist vollkommen mit diesen Insekten bedeckt gewesen, was
ihn aber nicht zu Stören schien. Sein Vogelkopf aber blieb frei. Er begrüßte
uns überfreundlich. VELL VANN leitete eine Handelsorganisation der
EMPORIDEN, die ihren Sitz eigentlich im System der Sonne ECPHOON hatte und
in der Hauptsache für die TAARER Rohstoffe aller Art beschaffen sollte. Sie
mussten vor 150 erdeJahren versucht haben, auf der Erde billig an Blutplasma
heran zu kommen, was ihnen allerdings nicht gut bekommen ist.
VELL VANN
jedenfalls war ein guter Gastgeber. Seine Wohnung in die er uns führte,
bestand aus riesigen Stoffbahnen, die er wie Segel zu unserer Kühlung
aufgestellt hatte. Dass er ständig auf dieser Welt lebte, konnte ich nicht
unbedingt vermuten. Ich hatte eher den Eindruck in einem Nomadenzelt zu
sein. Zwar riesig und mit allem Luxus ausgestattet, aber eben provisorisch.
Das VELL VANN anders ist als die Humanoiden auf ihren kühlen Satelliten,
zeigte auch seine Nebenbeschäftigung die er hier ausübte. Er betätigte sich
mit Genehmigung der TAARER als Archäologe. Nur auf dieser Insel von
003-006-NANROC gab es seltsame Bodenzeichnungen, die nur aus großer Höhe zu
sehen waren. Soweit ich VELL VANN verstand, konnte das wahre Alter dieser
Zeichnungen nicht genau festgelegt werden. Sie seien aber älter als 200
Dekaden. Als er mir Darstellungen dieser Zeichnungen zeigte, kamen sie mir
irgendwie bekannt vor. Ich hatte so etwas Ähnliches schon einmal gesehen.
Etahan und ich hielten uns fast 3 erdeStunden bei VELL VANN auf. Dass er uns
zu einem besonderen Fest einlud, daran kann ich mich sehr gut erinnern.
Der
Aufenthalt auf 003-006-NANROC hatte mir gut getan. Als Etahan mich wieder
auf dem Hotelsatelliten ablieferte, sprach er davon, dass wir öfter die
Oberfläche dieser Welt besuchen würden. Ich bin nun mal das Leben auf
Planeten gewohnt, trotzdem wollte ich auf die Bequemlichkeit des "Ruhe für
Geist und Körper" nicht verzichten. Etahan jedenfalls hielt sein Wort – Alle
Feste zu denen wie eingeladen wurden, fanden auf der Oberfläche von
003-006-NANROC statt. Sogar der Taarische Systemverwalter veranstaltete sein
Fest in der alten Systemzentrale auf der Planetenoberfläche. Und auch sonst
ging Etahan auf meine Eigenarten ein. Er streckte sein Besuchsprogramm, so
das ich für jedes Fest und für jede Besichtigung mindesten zwei erdeTage
Vorbereitungszeit zur Verfügung hatte. Ich nutzte sie, um mich mit der
Geschichte der Zivilisation, dessen Mitglied uns eingeladen hatte, vertraut
zu machen. Dafür ist die Würfelsammlung der TAARER wie geschaffen gewesen.
-6-
Das Fest des
OROREN Elon-per-Junreil sollte der erste Termin im Programm von Etahan sein
und am 12. Dezember 0/2152 in der Residenz der GAON KORMA auf dem
Hauptkontinent von 003-006-NANROC stattfinden. Ein Pendler hatte uns zu
einer achttürmigen Anlage gebracht, in dessen Mittelpunkt wir von ihm
empfangen worden sind. Alle Vertretungen der GAON KORMA, die ich später
besuchte, hatten diesen Aufbau. Acht, vielleicht achthundert Meter hohe
Türme mit quadratischem Grundriss und einer Basis von ca. 200 Metern
umstanden gleichmäßig einen quadratischen Platz mit einer Kantenlänge von
etwa 1000 Meter. Die feien Ecken dieses Platzes ließen ihn seltsam ungefasst
erscheinen. Ein runder, flacher Kuppelbau genau in der Mitte dieses
Quadrates, sollte der Austragungsort des Festes sein.
Was
Elon-per-Junreil hier aufgefahren hatte überraschte mich dann doch. Nach
unserem Vorstellungsbesuch hatte ich mit so einem Aufwand nicht mehr
gerechnet. Die gesamte Halle erstrahlte in einem Glanz, wie ich ihn nur
einmal, bei einem Fest des :Sicherheitsrates: in Neuyork erlebt hatte.
Damals ist die gesamte Museumsinsel in ein Lichtermeer verwandelt worden, um
den Beitritt der MENSCHEN zur GAON KORMA zu feiern. Daran wurde ich
erinnert, als ich den Saal betrat und noch etwas fiel mir sofort auf; es
sind nur OROREN anwesend gewesen! Vielleicht einhundert Personen verloren
sich fast in der riesigen, verschwenderisch mit XOS Büschen und anderen
Pflanzen ausgestatteten, hell erleuchteten Halle. Überall standen - locker
verteilt - Säulen mit terrassenförmig angeordneten Flächen herum, die mit
den exotischsten Nahrungseinheiten voll gestellt waren.
Das hatte ich
nun wirklich nicht erwartet, zumal die OROREN eigentlich als Asketen galten.
Meine Würfel hatten sie mir jedenfalls so beschrieben. Unter Luxus
verstanden sie heute eigentlich nur die Ausübung von Macht. Ihre
Zivilisation besaß einen Wohnkomfort, dagegen ist meine Unterkunft auf "Ruhe
für Geist und Körper" schon absolut übertrieben gewesen. Sie sind nicht sehr
beliebt bei den Mitgliedern der Organisation, das hatte ich schon
verstanden.
Elon-per-Junreil stellte uns verschiedenen Personen vor und erwähnte auch
ihre Funktionen. Es herrschte eigentlich eine gute Stimmung. Steif und
förmlich, wie ich die OROREN in Erinnerung hatte, gaben sie sich
untereinander nicht. Und eigentlich sind sie unter sich gewesen. Wir beide,
Etahan als TAARER und ich als MENSCH, wir fielen in der Menge von OROREN
fast gar nicht auf. Ich merkte aber, dass sie mich alle immer im Blickwinkel
hatten. Wenn ich mich abwandte, um mir die Halle anzusehen, endete es damit,
dass ich von den Augen eines OROREN wieder eingefangen wurde.
Mein UKOM
übermittelte meine ganze Überraschung und Verwunderung, meine Verlegenheit
und Unsicherheit. Ich spürte es förmlich körperlich, wie eine Welle von
freundlichen Gefühlen zu mir zurück strömte. Irgendwann saßen Etahan und ich
dann wieder im Pendler und unter uns verabschiedeten sich Hunderte von
winkenden OROREN. Ich bin damals vollkommen durcheinander gewesen. Meine
Würfel hatten mir ein Bild von den OROREN vermittelt, das sie bei diesem
Fest vollkommen widerlegt hatten. Ich durfte den Würfeln wohl nicht alles
glauben. Sie sind schließlich von den TAARERN gefüllt worden und die
verstanden sich mit den OROREN nicht besonders. Etahan gab keinen einzigen
Kommentar zu dem Fest und zum Verhalten der OROREN mir gegenüber ab. Ich
hatte auch nicht den Eindruck, dass er sich dafür besonders anstrengen
musste.
Das Fest des
IROITEN Gego Ge Garendin sollte am 16. Dezember stattfinden. Etahan schob
die Besichtigung eines Systemtechnik Satelliten dazwischen.
Ein
Sonnensystem der TAARER ist ein einziges großes technisches Gebilde. Kern
dieses Gebildes ist der Portaldienst. Nur durch ihn kam man überhaupt erst
in das System hinein. Gleichzeitig ist er aber auch ein Schutz. Kein
Raumpeiler ohne die entsprechende Gegenstation, kann dieses Sonnensystem
erreichen oder wieder verlassen. Und die TAARER sehen sich vorher an, wen
sie in ihre Systeme hinein lassen. Es soll schon vorgekommen sein, dass eine
einzige unerwünschte Person den TAARERN als Grund ausgereicht hatte, die
Einreise eines ganzen Raumpeilers zu verweigern.
Das sind die
Vorteile für den Portalbetreiber. Um diesen Dienst aber auch für
Raumpeilerbetreiber interessant zu machen, hatte sich die TAARER etwas
besonderes Einfallen lassen. Der Portaldienst ermöglicht den Einflug auch
dann, wenn der Peiler noch bis zu 110 lichtJahre vom Zielsystem entfernt
ist. Für den Raumpeiler entstehen dabei keine Energiekosten und was noch
viel wichtiger ist - kein Zeitverlust. Wenn der Leiter eines Peilers sich
erst einmal beim Portaldienst angemeldet hatte und anerkannt worden ist,
lagen alle weiteren Funktionen in der Hand des Zielportals. Es kam dann
schon mal vor, das ein angemeldeter Raumpeiler einige Zeit warten musste,
bis ihn der Dienst ins System holte. Deswegen ist irel-421-et bei unserem
Portaldurchgang wahrscheinlich auch so schnell verschwunden. Er hatte wohl
nicht mit einer so zügigen Einreise gerechnet.
Die Zentrale
dieses Dienstes ist unser erstes Besichtigungsziel gewesen. Der Satellit
umlief die Sonne 003-NANROC in der Bahn des dritten Planeten. Kam mir die
Systemverwaltung schon gigantisch vor, so ist sie winzig im Vergleich zur
Portalverwaltung. Da ich beim direkten Anflug irgendwie abgelenkt wurde,
bekam ich ihn nicht vollkommen mit. Erst als sich vor mir ein Lichtloch in
einer schwarzen Wand öffnete, konzentrierte ich mich wieder auf meine
Umgebung. Aber da sind wir dann schon im Satelliten drin gewesen. Wenn ich
es mir genau überlege, habe ich eigentlich nie einen Portalsatelliten direkt
gesehen. So muss ich bei seiner Beschreibung auf meine Würfel zurückgreifen.
Die gesamte
Portaltechnik ist auf 12 Großsatelliten verteilt, die in Bahnen bis zum
dritten Planeten um die jeweilige Portalsonne kreisen. Ihr Aussehen ist der
Funktion der Teilaufgabe angepasst, folgt aber immer dem Ideal der TAARER -
den quadratischen Formen. Der Verwaltungssatellit, den wir besichtigten,
bestand aus mehreren Einzelteilen. Kern ist ein Würfel mit einer Kantenlänge
von über 100 Kilometern gewesen. Von jeder seiner sechs Flächen ragten
mehrere hundert Kilometer lange eckige Röhren in den Raum. An ihren Enden
hingen dann die Funktionsträger in ihrer technisch bedingten Form. Jeder
dieser Gondeln ist um einiges größer als der Satellitenkern selbst.
Wie der
Portaldienst wirklich arbeitet, kann ich mir selbst heute noch nicht
vorstellen. Was mich damals allerdings hellhörig machte, ist der Hinweis
gewesen, dass eine Mineraloide Lebensform wesentlich zu seiner Funktion
beiträgt. Den TAARERN ist es - wie auch immer - gelungen die GERINTO ASELAN
in ihren Portaldienst zu integrieren. Sie sind die Lieferanten der
Tunnelenergie, mit dem ein Raumpeiler "angesaugt" werden konnte. Der UKOM
gehört ebenfalls zur Portaltechnik dazu. Ohne ihn könnte die
Portalverwaltung ja gar nicht feststellen, wer sich wirklich auf dem
einreisenden Raumpeiler befindet. In jedem UKOM aber steckt ein RAPI
Kristall und die RAPI sind auch eine Mineraloide Lebensform und Mitglied in
der GAON KORMA, die GERINTO ASELAN übrigens auch.
Ich begriff
etwas von dem komplizierten Netzwerk, das den Portaldienst erst möglich
machte. Wie sahen wohl die Anfänge aus? Ein Portal Sonnensystem lohnte sich
eigentlich erst bei einem gewissen Verkehrsaufkommen. Mit einer Bewertung
ist es eigentlich gar nicht zu bezahlen. Aber ich hatte schon gemerkt, dass
die TAARER nicht ökonomisch dachten.
Gego Ge
Garendin hatte für sein Fest eigens einige neue Gebäude aufstellen lassen.
Auch bei ihm fiel mir der ungeheure Aufwand auf, den er für das Fest
getrieben hatte. Es sollte zu einem Ereignis werden, das ich so schnell
nicht vergessen würde. Die IROITEN schienen abstrakte Formen zu mögen. Die
neuen Türme sahen aus, wie aus einem Alptraum. Schwere Plattformen wurden
nur an einem Rand von filigranen Säulen getragen. Auch sonst schienen alle
Gesetze der Schwerkraft verletzt worden zu sein. Ein fast dreihundert Meter
hoher Turm schwebte auf einer kleinen durchsichtigen Kugel. Und alles sei
nur für das Fest aufgebaut worden, damit prahlte GG Garendin schon bei der
Begrüßung. Das Hauptgebäude seiner Niederlassung ist dagegen eher
unscheinbar gewesen. Eine schwarze runde Säule von vielleicht 100 Meter
Höhe. Alle neuen Gebäudeteile gruppierten sich um sie herum. Weit und breit
gab es sonst nur gepflegte Grünanlagen. Dicht bevölkert schien
003-006-NANROC nicht mehr zu sein.
GG Garendin
hatte auch nur IROITEN zu seinem Fest eingeladen. Es fiel mir am Anfang gar
nicht so auf, weil seine Gäste die verschiedensten Humanoiden Körperformen,
Größen und Farben besaßen und natürlich die verrücktesten Kleider trugen -
oder auch nicht. Nacktheit öffentlich zu zeigen, schien für IROITEN kein
Problem zu sein. Auffällig sind die Farben gewesen, mit der mache Gäste sich
bemalt hatten. Sie erinnerten mich an die Sitten der Alten Menschheit, sich
vor einem Kampf die Lippen und Augen zu färben, damit sie irgendwie größer
wirkten.
Gegenüber der
Aufmerksamkeit aller Gäste beim Fest des OROREN Elon-per-Junreil, hatte ich
beim IROITEN GG Garendin den Eindruck, seine Gäste kümmerten sich nur um
sich selbst. Alle waren sie ausschließlich mit sich selbst beschäftigt. Ich
stand bei diesem Fest längst nicht so im Mittelpunkt wie bei den OROREN. So
hatte ich etwas mehr Freiraum für meine stillen Beobachtungen.
Ein seltsames
Volk hatte GG Garendin da zusammen gebracht. Sie kamen mir alle irgendwie
berauscht, aufgedreht und hemmungslos vor. So schienen sie es als vollkommen
normal anzusehen, sich in aller Öffentlichkeit sexuellen Handlungen hin zu
geben. Meist standen andere um die Artisten herum und gaben Kommentare ab;
was besonders interessant war, oder was man noch verbessern konnte. Manchmal
machten sie es dann auch vor.
Zwei große
dunkelhäutige IROITEN, die unbekleidet in einer großen durchsichtigen
Schüssel mit grünem Wasser planschten, schwammen an den Rand und zogen
weitere Gäste, die nahe am Schüsselrand standen, gewaltsam mit hinein, um
sich mit ihnen im Wasser zu Vergnügen. Am Ende verschwanden die meisten
Gäste in den Grünanlagen und man hörte nur noch seltsame, ekstatische
Geräusche. Die wenigen Gäste, die nicht in den Büschen verschwunden sind,
lagen einzeln in kleinen Wannen und ließen sich von Schwebeplatten mit
exotischen Speisen versorgen.
So vergnügen
sich also IROITEN.
GG Garendin
jedenfalls schien begeistert über das gelungene Fest. Mein UKOM muss
meine Verstörtheit übersetzt haben, jedenfalls meine Etahan, das es so bei
den IROITEN üblich sei. Er hätte aber schon Feste auf 001-DESTAAR erlebt bei
dem es sogar Tote gegeben hatte. Er schien das als besonderen Höhepunkt zu
bewerten. Ob es auf diesem Fest Tote gegeben hat, erfuhr ich nie. Ich
verstand überhaupt nicht, wofür die vielen neuen Bauten errichtet worden
sind. Das gesamte Fest fand eigentlich in den Grünanlagen statt. Später
erfuhr ich von Etahan, das GG Garendin über 500 Gäste extra hatte einfliegen
lassen und für sie diese luxuriösen Wohnungen brauchte. Bei den IROITEN
schien ein Fest erst dann gelungen zu sein, wenn möglichst viele Gäste in
ekstatischer Stimmung fast vergingen.
Ich war froh,
als Etahan mich wieder im "Ruhe für Geist und Körper" absetzte. Später
teilte er mir noch mit, dass das Fest einige hundert erdeStunden gedauert
hätte und alle mit dem Ergebnissen sehr zufrieden seien.
Etwas
Seltsames hatte ich auf diesem Fest verspürt. Das ungehinderte Ausleben von
Sexualität in aller Öffentlichkeit ist für mich vollkommen neu gewesen. Ich
will nicht behaupten, dass ich körperliche Sexualität nicht auch interessant
finde. Nur hatte sie in meinem Leben nie die Rolle gespielt, wie sie ihr die
IROITEN für ihr Leben zugewiesen hatten. Wenn ich es genau überlegte, bin
ich bis zu diesem Zeitpunkt keine fünf Mal sexuell aktiv gewesen und nur
zwei Ergüsse, hatte ich mit einem Partner zusammen erlebt. Das eine mal ist
es Will Bonner, der /KAF Alleiner und das andere mal Maria de Cobeel die
/KRM Reisende gewesen. Es war in beiden fällen eine interessante,
unvergleichbare Erfahrung für mich. Will - ein gewalttätiger Mann und Maria
- eine anschmiegsame Frau. Keine dieser beiden Begegnungen wollte ich aber
als Grundlage oder festen Bestandteil meiner eigenen Sexuellen Ausrichtung
ansehen.
Vielleicht
hat Sexualität bei uns MENSCHEN heute deshalb nicht mehr den Stellenwert,
weil wir ja nicht mehr gezwungen sind, uns auf diese archaische und
unsichere Weise fortzupflanzen. Alle Mitglieder der MENSCHEN werde ja aus
überarbeiteten, "reinen" Genen in den Tangs auf dem Mond und nur auf
Anforderung gezeugt. Was ungehindert ausgelebte Sexualität verursachen
konnte, hatte uns die Alte Menschheit ja geleert. Selbst 50 erdeJahre nach
dem Tod der letzen Vertreterin dieser Art müssen wir noch am Rückbau ihrer
Hinterlassenschaften arbeiten. Mein eigenes rückbauJahr ist mir heute noch
in guter Erinnerung.
Das die
IROITEN zum größten und mächtigsten Humanoiden Volk in GAON hatten
aufsteigen können, erschien mir angesichts ihres Lebenswandels
unverständlich. Wahrscheinlich besaßen sie nur genügend Satelliten und
Welten, auf denen sie sich verteilen konnten. Laut meiner Würfel
praktizierten sie keine zentrale Genkontrolle. Deshalb gab es wohl auch die
vielen unterschiedlichen Körperformen und Farben auf dem Fest von GG
Garendin. Nur beim Auftauchen eines genetischen Defektes, der zur Entstehung
von nicht Ichbewussten IROITEN führen konnte, griffen sie ein. Die OROREN
dagegen sahen alle fast gleich aus. Das sie eine der Stammzivilisationen der
IROITEN sind, darauf wäre ich von selbst nicht gekommen.
Ich brauchte
einige Zeit um mich von diesem Fest zu erholen. Die öffentliche
Zurschaustellung Sexueller Handlungen hatte mich nicht etwa stimuliert, wie
es von GG Garendin wohl gedacht war, sondern eher nachdenklich gemacht. Mit
einer entsprechenden technischen Ausstattung kann man sich innerhalb der
GAON KORMA auch den Luxus planloser Vermehrung leisten. Die OROREN, die als
Ursprung der meisten Humanoiden Zivilisationen in GAON gelten, hatten sich
zu einer asketischen Zivilisation, mit durchgearbeiteten Genen und einer
strickten Geburtenkontrolle entwickelt und dabei die Persönlichkeit des
einzelnen Mitglieds etwas vernachlässigt. Bei den IROITEN aber - die in
ihrer Gesamtheit in den Würfeln auch als Verbindungsrasse bezeichnet werden
- lebte der einzelne in einer solchen persönlichen Freiheit, das man diesen
Zustand schon als extrem bezeichnen musste. Genetische Kontrollen fanden bei
ihnen nur in den seltensten Fällen statt und der Begriff Geburtenkontrolle
kannten sie überhaupt nicht. Für sie ist selbst der Tot noch ein
erstrebenswerter Zustand, wenn er nur ekstatisch genug eintritt.
Dass es
innerhalb der Völker der Humanoiden Entwicklungslinie solche extremen
Unterschiede gab, verwunderte mich doch sehr. Ich war gespannt auf das Fest
der ARILEN. Sie sind der andere Teil des IROITEN Stammbaums. Ihr Fest sollte
aber erst am 20. Dezember stattfinden. Etahan hatte keinen weiteren
Besuchstermin dazwischen gelegt, weil er wohl begriffen hatte, dass ich so
schnell im Denken nicht bin. Ich bat den Hotelleiter noch mehrmals um seine
Dienste. Das sind eben die Vorteile einer individuell ausgerichteten
Zivilisation. Sie bringt auch solche Künstler wie Ogl On Onera hervor.
Auf dem Fest
der ARILE el-Anslin-Delrigen befanden sich als Gäste nur weibliche
Vertreterinnen dieses Humanoiden Zweiges. Große Frauen mit üppigen,
ausladenden Figuren und außergewöhnlichen Haartrachten. Die Würfel hatten
zwar von einer Matriarchalischen Gesellschaftsform gesprochen, aber ich
hatte nicht damit gerechnet nur Frauen anzutreffen. Bei den beiden anderen
Festen hatte es eine Mischung der Geschlechter gegeben, sogar bei den
OROREN. Ihr Gesellschaftssystem beschrieben die Würfel als Demokratisches
Patriarchat. Die ARILEN schienen davon nichts zu halten. Die Arilische
Profession der Kommunikation mit Fremdzivilisationen wird nur vom weiblichen
Teil dieses Volkes ausgeübt. So hatte el-Anslin nur die Mitarbeiterinnen der
hiesigen ARILEN Niederlassung zur Verfügung gehabt, männliche ARILEN gab es
hier gar nicht.
Das Fest
sollte auf der Nachtseite von 003-006-NANROC stattfinden. Wir flogen auf ein
geometrisches Muster zu, das aus unzähligen Lichtern gebildet
wurde. Sie zeigten auf einem gelben Untergrund eine große rote Scheibe, die
mit einem dunkelgrünen Balken in der Mitte geteilt erschien. Es sollte das
Symbol der ARILEN Zivilisation darstellen. el-Anslin schien es wichtig zu
sein, sich deutlich als Teil ihres Volkes zu präsentieren. Wir landeten auf
einer Lichtung mitten in einer wilden Naturlandschaft ohne jede Spur eines
künstlichen Eingriffes.
Die ARILEN
hatte auf mehreren runden Schwebeplatten, die über diesem Naturreservat
verteilt waren, kleine Kulissen aufgebaut, die wichtige geschichtliche
Ereignisse ihrer Zivilisation nachbilden sollten. Etahan und ich wechselten
vom Pendler auf die persönliche Schwebeplatte von el-Anslin, mit der wir
dann die einzelnen Kulissen abflogen. Jede Kleinigkeit ist von ihr für
diesen Abend sorgfältig geplant worden. Es fing damit an, dass es auf ihrer
Schwebeplatte keine Sitzmöbel gab und wir stehend oder an eine Brüstung
angelehnt - von allen Seiten erreichbar - den Abend verbrachten. Etahan und
ich, wir wurden von leicht bekleideten ARILEN bedient, die den direkten
Körperkontakt suchten. Und das ist vollkommen neu für mich gewesen. Ich
spürte zum ersten Mal auf dieser Reise die Berührungen von Wesen, die nicht
von der ERDE stammten. Weder auf dem INSORINE Raumpeiler noch auf dem "Ruhe
für Geist und Körper" Satelliten oder den beiden Festen des OROREN Elon-per-Junreil und
des IROITEN GG Garendin, bin ich von irgendjemandem direkt berührt worden.
Auch Etahan und OO Onera blieben immer außerhalb meiner Reichweite. Aber die
ARILEN umarmten mich, sie alle suchten einen direkten körperlichen Kontakt
und streichelten mich fast automatisch wenn ich ihre Nähe kam. Dabei schien
ihnen keine Stelle meines Körpers tabu zu sein. Sie halfen mir, mich zu
entspannen.
Eine ARILE,
die wohl den Auftrag hatte, sich besonders um mich zu kümmern, verstand ihr
Geschäft besonders gut. Sie reichte mir nicht nur die Getränkeschläuche und
Nahrungseinheiten, sondern ermutigte mich, selber aktiv zu werden. Ich
begann sie zögernd und vorsichtig zu berühren. Sie unterstützte mich dabei,
indem sie meine Hand ergriff und über ihren Körper führte. In mir entstanden
neue Gefühlswelten, die mir bis dahin unbekannt geblieben sind. Ich spürte
die Weichheit und die Wärme ihrer Haut. Ihr Umhang floss wie Wasser durch
meine Finger. Ihre üppigen Brüste hatten auf mich tatsächlich eine erotische
Ausstrahlung. Das, was GG Garendin mit seinem Fest der offen zur Schau
gestellten Sexuellen Handlungen nicht geschafft hatte, hier erlebte ich es.
Und el-Anslin-Delrigen hatte es mir vermittelt. Es sollte später ein
wesentlicher Bestandteil meiner Beziehung zu dieser Zivilisation werden.
Von den
geschichtlichen Ereignissen die die ARILEN in den Kulissen dargestellten und
die ich mit bekam, hier ein kleiner Überblick. Ein sich ausdehnender gelber,
durchsichtiger Lichtball nahm alle ARILEN der Kulisse auf und innerhalb
dieser Lichtkugel sah man sie nach oben schwebten. Gemeint ist hier wohl
ihre Bewusstwerdung als eigenständige Zivilisation gewesen. In einer anderen
Gruppe entstand ein roter Lichtblitz, der alle ARILEN von der Schwebeplatte
drängte. Das sollte wohl den Bruch innerhalb ihrer Zivilisation vor 90
Dekaden durch den Reprokrieg andeuten. Die Verdrängten schwebten auf eine
neu entstandene weiße, undurchsichtige Lichtkugel zu, die mit jeder Person,
die in ihr verschwand, größer und größer wurde. Das sollte dann die
Entstehung der neuen ARILEN Zivilisation darstellen. Aus den Augenwinkeln
konnte ich beobachten, wie die ARILEN auch Etahan berührten und
streichelten. Weil er so groß ist, schwebten sie ständig um ihn herum.
Technische Einrichtungen, die das ermöglichen, konnte ich nicht erkennen. Er
nahm es hin, ohne eine Reaktion zu zeigen. Auch die Geschichten der ARILEN
ertrug er mit Gelassenheit. Nicht einmal der Hinweis auf den Reprokrieg
konnte ihm eine Reaktion entlocken, obwohl es die TAARER gewesen sind, die
damals die Zivilisation der ARILEN zerstört hatten. Ich jedenfalls verließ
dieses Fest sensibilisiert auf meinen neu entdeckten Tastsinn. Ich konnte
einfach nicht widerstehen in der Eingangshalle des Hotelsatelliten vorsichtig einen
XOS Buch zu streicheln. Seit diesem Augenblick sind mir auch die XOS nicht
mehr fremd.
Da el-Anslin
ihr Fest regelrecht inszeniert hatte, bekam ich nur einen kleinen Einblick
in die Zivilisation der ARILEN. Ihre freizügige Art diente der schnellen
Kontaktaufnahme und gehörte zu ihrer Profession. Das Verhalten von Etahan
konnte mir auch nicht weiter helfen. Er musste ja alles mitmachen, weil er
die Aufgabe hatte, mich zu unterstützen. Das es innerhalb der GAON KORMA im
Zusammenleben mit den ARILEN aber einige Unklarheiten gab, war mir auf der
Reise schon aufgefallen.
Wie die
ARILEN - als ein Teil des IROITEN Stammbaums - Einfluss auf diese
Zivilisation genommen hatten, konnte ich nur vermuten. Vielleicht war ihre
Freizügigkeit die Basis für das ungehemmte Zeugungsverhalten der IROITEN.
Die ARILEN praktizierten für sich eine strikte Genkontrolle, so wie es auch
die OROREN taten, trugen ihren Nachwuchs aber auf natürliche Weise selber
aus. Die IROITEN machten es genau umgekehrt. Sie zeugten planlos und
überließen die Reifung einer befruchteten Eizelle den Tanks. Ihre
Zeugungsgewohnheiten unterschieden sich somit gewaltig von dem ihrer beiden
Stammzivilisationen. Und trotzdem sind die IROITEN die größte und mächtigste
Humanoide Zivilisation innerhalb der GAON KORMA. Die OROREN sind zwar die
Verwalter der Organisation, aber als Zivilisation erscheinen sie eher
unbedeutend. Eine einheitliche Zivilisation der ARILEN existiert seit dem
Reprokrieg nicht mehr. Sie ist heute in über 20 unabhängige Teilreiche
aufgespalten und mit ihrer Profession sind sie auch nicht konkurrenzlos.
Dieses Fest
hatte mir einerseits einen neuen Weg bei der Benutzung meiner eigenen Sinne
gewiesen, die Zivilisation der ARILEN und ihre Stellung innerhalb der GAON
KORMA aber nicht näher gebracht. Die Floriden XOS sind mir durch eine
einzige Berührung da sehr viel vertrauter. Ich nahm sie jetzt überall wahr
und sie schienen eine Art Kollektivbewusstsein zu besitzen, obwohl die
Würfel nichts davon erwähnten. Seit diesem Abend jedenfalls begrüßte ich
immer alle XOS Büsche die irgendwo herumstanden, einfach nur durch einen
aufmerksamen Blick, den Rest übersetzte mein UKOM und ich bekam immer
einen freundlichen Gruß zurück.
-7-
Der Zeitplan
von Etahan sah für den 22. Dezember 0/2152 den Besuch der Geschichtssammlung
der Taarischen Zivilisation vor. Eine der Aufgaben eines Mitglieds der GAON
KORMA ist es gewesen, dieses Zivilisationsarchiv anzulegen und zu pflegen.
Meistens entstanden diese Einrichtungen in den Hauptsystemen der jeweiligen
Völker. Bei uns MENSCHEN erfühlt die Museumsinsel Menhetten diesen Zweck.
Etahan und ich befanden uns aber nicht im Hauptsystem der TAARER, sondern in
ihrem Verwaltungssystem für den Kernsektors "West Nordwest".
Die Richtung
"West Nordwest" ist die Übersetzung meines UKOMS für die Bezeichnung
eines Teilbereichs, des von den TAARERN beanspruchten Kernsektors. Zum
Verständnis für die Positionsbestimmungen innerhalb GAONS, übersetzte mein
UKOM immer nur die ungefähre Richtung eines Systems - ausgehend vom
GAON KORMA Mittelpunktsystem DAGOR. Sein Standort wird immer mit "Süd
Südwest Mitte Unten" angegeben. "Süd Südwest" meint dabei die festgelegte
galaktische Richtung, "Mitte" die Lage innerhalb der galaktischen Scheibe
und mit "Unten", wird der Standort in der jeweiligen galaktischen Ebene
bezeichnet. Für die Positionsberechnung eines Raumpeilers benutzte man
natürlich sehr viel genauere Angaben. Sie basierten aber immer auf dieser
groben Richtungsvorgabe. Unsere SONNE und 003-NANROC zum Beispiel hatten
beide den Standort "West Mitte Oben" obwohl beide Systeme 216 lichtJahre
auseinander lagen.
Das System
003-NANROC lag somit im nordwestlichen Zipfel des Taarischen Kernsektors.
Der Begriff Kernsektor ist ein Relikt aus ferner Vergangenheit und nur
wenige große und alte Zivilisationen benutzten ihn noch. Heute verteilen sich
die Sonnensysteme einer Zivilisation über die gesamte Galaxis. Der alte
Begriff Kernsektor bezeichnete einen Sternensektor, der von einer Lebensform
als ihr Hoheitsgebiet angesehen wurde, mit allen Sonnen und sonstigen
kosmischen Objekten darin. In der Vergangenheit muss es aber öfters zu
Unklarheiten bei den Grenzen eines Kernsektors gekommen sein. Die GAON KORMA
führte deshalb das Prinzip der Katalogsysteme ein. Alle Sonnensysteme, die
ein Volk zu seinem Kernsektor zählen will, müssen von ihm katalogisiert
sein. Diese im KOSMIC-LINK öffentlich ausliegenden Kataloge sind bei
Streitigkeiten heute ausschlaggebend. Die TAARER sind eine der
Zivilisationen, die den Begriff Kernsektor noch sehr genau nehmen. Trotzdem
ist es auch ihnen bis heute nicht gelungen, alle Sonnen in ihrem Kernsektor
zu katalogisieren. So existieren hier schon über 50 Systeme mit der
Zuordnung zu einer anderen Zivilisation. Die TAARER ihrerseits besitzen aber
auch neu besiedelte Systeme in den noch ausgewiesenen Kernsektoren der
IROITEN, SULANER, OROREN und der Oxioiden Lebensform der FIUS.
Das Taarische
Zivilisationsarchiv hatte natürlich seinen Sitz auf 001-JANTAAR, dem elften
Planeten ihres Hauptsystems, der Blauen Großsonne 001-TAAR, über 6.000
lichtJahre Richtung „Süd Südost“ von 003-NANROC entfernt. Die weite
Ausdehnung ihrer Zivilisation ließen es den TAARERN aber wohl ratsam
erscheinen, so genannte Externe Zugriffe zu erlauben. So existierte nicht nur
im System 003-NANROC ein Satellit, der mit speziellen technischen Einrichtungen
ausgestattet ist, um direkt auf die Speicher des Museumsplaneten 001-JANTAAR
zuzugreifen. Wichtige Gegenstände, wie zum Beispiel die Taarische
Urgenmatrix, existierten hier sogar als Datenschablone und konnten jederzeit
mit Formenergie realisiert und mit dem Mineral VLO-NEC stabilisiert werden.
So stand es wenigsten in meinen Würfeln.
Etahan und
ich hatten einen Satteliten betreten, der so ähnlich aussah, wie die
Systemverwaltung und sogar dessen Größe besaß. Der wesentliche Unterschied,
der mir hier auffiel, war die Stille und die Dunkelheit. Ich glaubte bei
Etahan so etwas wie Stolz wahrgenommen zu haben, als er mir das Prinzip des
Externen Zugriffs erklärte. Innerhalb der GAON KORMA sei dass einmalig.
Soweit ich mich erinnere, ist diese Technologie schon nicht schlecht
gewesen, aber wirklich zu gebrauchen war sie für mich nicht. Der Satellit
stand der Öffentlichkeit nämlich nicht zur Verfügung. Ich - als ~DES~
Reisender - durfte ihn zwar betreten, richtig arbeiten konnte ich auf ihm
aber nicht. Hier gab es keine frei zugänglichen Abfrageeinrichtungen.
Überall standen TAARER herum, die mich nicht aus den Augen ließen. Nicht
einmal Sitzgelegenheiten hatten sie aufgestellt. Der Satellit kreiste
übrigens um den geheimnisvollen fünften Planeten und der Besuch dauerte nur
zwei erdeStunden. Von der Reprowelt 003-005 bekam ich nur eine
Wolkenverhangene, grauweiße Atmosphäre zu sehen.
-8-
Am 25.
Dezember fand endlich das Fest des EMPORIDEN VELL VANN statt. Bei meinen
Vorbereitungen bin ich immer wieder auf einige interessante Einzelheiten
gestoßen. Die EMPORIDEN sind eigentlich keine eigenständige Lebensform,
sondern mehr ein politischer Zusammenschluss von über 600 unterschiedlichen
NEPLASMA Zivilisationen. Entstanden ist dieses Gebilde natürlich durch den
Einfluss der TAARER vor 62 Dekaden, also noch vor der Gründung der GAON
KORMA. Um die Besonderheit der Existenz dieses Bundes zu begreifen, musste
ich erst sehr weit in die Geschichte von GAON zurückgehen und mit dem
Auftauchen des PLASMA beginnen.
Mit der
Bezeichnung PLASMA meinten meine Würfel verschiedene Inhalte. Einmal
sprachen sie von einer Instinktbehafteten, unintelligenten Lebensform, die
mit ihrem Auftauchen - vor über 300 Dekaden - den Beginn der heute
nachvollziehbaren Geschichte in GAON markierte. Dann bezeichneten sie noch
einen ganzen Rassenstamm mit diesem Begriff. Er sei die Basis aller heutigen
PLASMA, NEPLASMA und Neu-Humanoiden Zivilisationen innerhalb der GAON KORMA.
Veränderten
im Laufe der Evolution die "reinen" PLASMA Lebensformen ihr Aussehen und
ihre Biologie nicht sonderlich, so sind NEPLASMA Zivilisationen heute nicht
auf den ersten Blick als solche zu erkennen. Teile des PLASMA passten sich
in über 200 Dekaden den verschiedensten, existierenden genologischen
Lebensformen an und integrierten sich in deren jeweilige Biologische
Struktur. Sie gingen mit ihnen sozusagen eine tiefe Symbiose ein und so
entstand der NEPLASMA Rassenstamm. Aus einer dieser Zivilisationen - der
RAHNN - entwickelten sich später die TAARER, die wegen ihres Aussehens als Neu-Humanoide bezeichnet werden und diesen Rassenstamm begründeten. Sie
wiederum sind es dann gewesen, die über mehrere Dekaden hinweg die anderen,
uneinheitlichen NEPLASMA Zivilisationen suchten und zu einem Politischen
Bund zusammenführten. Natürlich wird dieser Bund heute von ihnen
kontrolliert. Die EMPORIDEN sind die größten Rohstoffesschließer in GAON und
ihr Hauptkunde sind die TAARER. VELL VANN gehörte zu den SKELKS, einer
NEPLASMA Lebensform mit Reptiloider Basis, aus dem System der Sonne ECPHOON.
Sein Standort wird ebenfalls mit "West Mitte Oben" angegeben da es auch nur
300 lichtJahre vom System 003-NANROC entfernt ist.
VELL VANN
veranstaltete das Fest natürlich auf seinem Anwesen, auf der Oberfläche von
003-006-NANROC. Er hatte eine ganze Zeltstadt aufgebaut um seine vielen
Gäste unterbringen zu können. Es wimmelte förmlich von SKELKS in allen
Altersstufen, als Etahan und ich mit einem Pendler sein Anwesen erreichten.
Auf seinem Fest sah ich zum ersten Mal auf dieser Reise Kinder,
Heranwachsende und Greise. Zwar in der Form der Reptiloide SKELKS, aber
immer hin gab es das bei ihnen. Die TAARER kannten Entwicklungsstufen einer
einzelnen Lebensform überhaupt nicht und die drei Humanoiden Zivilisationen,
die ich bis jetzt kennen gelernt hatte, zogen es vor, nur den aktiven Teil
ihrer Mitglieder als Gäste in ein Taarisches System zu entsenden. Die SKELKS
hingegen traten auch auf Gastwelten immer als Sippe auf. Erst sehr viel
später sollte ich begreifen dass eine NEPLASMA Zivilisation eigentlich auch
keine Entwicklungsstufen eines Einzelindividuums kannte. Auf dem Fest von
VELL VANN fiel mir damals nur auf, wie vorbildlich sich auch die kleinsten
SKELKS benahmen. Unkontrolliertes Verhalten, wie wir es von unseren Kindern,
Heranwachsenden und Greisen gewohnt sind, kam bei ihnen nicht vor.
VELL VANN
empfing uns vor dem Pendler und geleitete uns durch ein Meer sich
schlängelnder Körper in sein eigenes Zelt. Es erschien mir sehr viel größer
als bei unserem ersten Besuch und irgendwie vertrauter. Bis ich endlich
darauf kam, das er Einrichtungsgegenstände aus meinem direkten
Erfahrungsbereich aufgestellt hatte. Es gab auf kleinen Emporen die mir so
bekannten Matten in verschiedenen Qualitäten und normale Sofas, in die man
tief einsank. Die Speisen hatte er auf richtigen Tischen anordnen lassen.
Als Getränke standen Weiß- und Rotwein und einige verfeinerte Produkte aus
einem dieser Grundstoffe bereit. Sogar gegorener Gerstensaft und einige
schwarze Getränke mit unterschiedlichen Temperaturen hatte VELL VANN
aufgefahren. Es viel mir allerdings schwer, auf diesem Fest überhaupt etwas
zu essen oder zu trinken. Die in Massen umher fliegenden Insekten waren
einfach überall. Auf den drei anderen Festen sind sie mir überhaupt nicht
aufgefallen. Hier hingen sie in dichten Schwärmen in der Luft. Die Körper
aller SKELKS sind immer mit ihnen bedeckt gewesen und nur ihr nackter
Geierkopf blieb von ihnen verschont. Wenn Etahan und ich mit unserem
Zweimeter Radius an einem SKELK vorbei kamen, stoben die Insekten in dichten Wolken
auseinander.
Ich wählte
eine weiche Matte als Sitzgelegenheit und ein Getränk aus einem kleinen
Fass. Ich fühlte mich auf diesem Fest irgendwie entrückt. Auf einer fremden
Welt, mit fremden Lebensformen, aber in einer vertrauten Umgebung.
Eigentlich ist es eine Bosheit von VELL VANN gewesen, mir alle die
vertrauten Gegenstände zu präsentieren, sie aber durch die Insektenschwärme
für mich ungenießbar zu machen. Wenn er schon so viel Sorgfalt auf diese
Ausstattung gelegt hatte, dann hätte er auch die Insektenplage beseitigen
können. Aber so waren die SKELKS nun einmal. Sie gingen einem Gast immer nur
bis zur Hälfte entgegen. Erst von Etahan erfuhr ich später wieder, das es
gerade die so aggressiven Insekten waren, die die EMORIDEN veranlassten auf
003-006-NANROC zu leben. Der Reptiloide Teil ihrer Biologie schien von den
Insektenstichen geradezu wie berauscht.
VELL VANN
stellte uns seinen Clan vor. Viele kleine, mittelgroße, große und sehr große
Geierköpfe mit Schlangenkörper. Geschlechtliche Unterschiede machte er
nicht, weibliche SKELKS schien es nicht zu geben. VELL VANN war Vater und
Mutter zugleich. Er sprach von seinen Archäologischen Arbeiten, seinen
Handelsgeschäften und seiner Vorliebe für 003-006-NANROC. Auf keiner anderen
Welt könne er sich vorstellen zu leben. Für einen weit gereisten Händler kam
mir das seltsam vor. Gaben mir die anderen Feste wenigstens einen kleinen
Einblick in die jeweilige Zivilisation, so war das bei VELL VANN keineswegs
der Fall. Er hatte die gesamte Ausstattung aus dem Gewohnheitsumfeld eines
MENSCHEN übernommen und seine Sippe hielt immer einen gebührenden Abstand,
aus Angst ihre Insekten zu verlieren. Mein UKOM übersetzte nicht
einmal ihre Stimmungen. Das er über uns MENSCHEN so genau Bescheid wusste,
dass war die eigentliche Überraschung für mich. Auf der Erde jedenfalls
hatte ich noch keinen SKELK gesehen und die ersten Kontakte mit ihnen lagen
in ferner Vergangenheit und betrafen noch die Alte Menschheit.
Ich kam
irgendwie unzufrieden wieder ins "Ruhe für Geist und Körper" zurück. VELL
VANN hatte es geschafft, mich zu verunsichern. Ich hatte Vorurteile im
gegenüber entwickelt. Das ging mir zum ersten Mal auf dieser Reise auf.
Vielleicht war es der abstoßende Geierkopf oder die kreatürliche Angst vor
Schlangen. Vielleicht war es auch ihr Geruch oder ihre Art des Umgangs mit
Insekten. Ich weis es heute nicht mehr genau. Wahrscheinlich ist meine
Unbefangenheit durch die intensive Vorbereitung verschwunden, denn bei
unserem Vorstellungsbesuch hatte mir sein Aussehen nichts ausgemacht. Ich
bin damals sehr unzufrieden mit mir gewesen, als ich kurz die Bekanntschaft
mit Lovanal machte. In der belebten Eingangshalle des Hotelsatelliten lief
er mir für wenige erdeSekunden über den Weg.
Seit Etahans
Eingreifen konnte ich mich wieder frei auf dem Satelliten bewegen, ohne von
einer Prozession gläubiger Jünger verfolgt zu werden. Wie er dass geschafft
hatte, war mir nicht bekannt. Konnten die TAARER Humanoide Begeisterung ein-
und ausschalten wie sie es brauchten?
Ein
Lichtblitz schreckte mich plötzlich auf und ich wurde auf einen großen
schlanken Humanoiden aufmerksam, der an einer der Säulen der Hotelverwaltung
stand. Hinter ihm hing eine Schwebeplatte in der Luft, auf der verschieden
großen Gepäckstücke lagen. Von ihr musste der Lichtblitz ausgegangen sein.
Sie setzte sich auf einmal in Bewegung und schwebte sehr schnell direkt auf
mich zu. Ich hatte plötzlich den Eindruck, als würde eine dunkle aber
durchsichtige Fläche zwischen mich und der sich schnell nähernden
Schwebeplatte geschoben. Eine aus dem Nichts aufgetauchte Kugel schwebte auf
die Platte zu und die Gepäckstücke auf ihr verschwanden. Die jetzt leere
Schwebeplatte blieb stehen und bewegte sich langsam zu ihrem Ausgangsort
zurück - den Humanoiden aber konnte ich dort nicht mehr entdecken. Die dunkle
Fläche und die schwebende Kugel verschwanden eben so lautlos wie sie
entstanden sind und der gesamte Vorgang schien den anderen Gästen in der
Halle nicht aufgefallen zu sein.
Und dann
stand er neben mir, der großer schlanker Humanoide, von dem ich später
erfuhr, dass er sich Lovanal genannt hatte. Und wieder hatte ich den
Eindruck, als schöbe sich eine dunkle, durchsichtige Fläche zwischen uns
beide. Sein Körper löste sich vor meinen Augen auf und schrumpfte zu einem
undefinierbaren Klumpen zusammen, der dann vollständig verschwand. Das
allerdings blieb nicht unbemerkt. Zwei weibliche Humanoide kamen auf mich zu
und geleiteten mich, ohne eine Erklärung abzugeben schnell zu meiner
Wohnung. Ich war doch einigermaßen überrascht. Sollte das jetzt ein
Attentatsversuch gewesen sein? Hier auf einem Hotelsatelliten im System
003-NANROC der TAARER? Etahan jedenfalls konnte ich nicht fragen, der lies
sich zwei erdeTage nicht blicken.
Erst am 28.
Dezember, auf dem Weg zum Fest des Taarischen Systemverwalters Flahan-S003,
erklärte Etahan mir, das eben dieser allgemein bekannte Lovanal - aus dem
Volk der GETUSEN - versucht habe, einige "besondere Stoffe" auf den
Hotelsatelliten zu bringen. Es hatte aber irgendwelche Schwierigkeiten mit
seiner Schwebeplatte gegeben und die "besonderen Stoffe" seien von der
Hotelsicherung als Bedrohung eingestuft und deshalb vernichtet worden. Sie
müssen für Lovanal einen solchen Wert gehabt haben, das er einen Angriff auf
den vermeintlichen Zerstörer – also auf mich - durchführte. Meine
persönliche Sicherung habe ihn als Feindliche Person eingestuft und sofort
getötet. Seine Überreste sind dann von der Hotelsicherung beseitigt worden.
Es ist schon
sehr interessant, auf diese Weise zu erfahren, dass die TAARER eine
persönliche Sicherung um mich aufgebaut hatten, die anscheinend in der Lage
war selbstständig und ohne Rückfrage zu töten. Der Spruch "erst schießen
dann fragen" kam mir in Erinnerung. Ich hatte ihn während meines Jahres im
Rückbauviertel unterer Michigan See, in einem Buch über die Geschichte
Nordamerikas gelesen. Etahan meinte - auf meinen Einwurf hin, das es auch
andere Möglichkeiten geben müsse als einen Angreifer gleich zu töten - das
es sogar zu viele davon gebe. So viele wie Zivilisationen in GAON
existierten und das seien eben zu viele. Das Töten einer angreifenden
Lebensform sei sehr viel einfacher und schneller möglich, als 279
Betäubungstechniken durch zu testen. Im Falle von Lovanal hätten
Betäubungsmittel für Humanoide sowieso nichts genutzt, weil er kein
Humanoide war. Lovanal war ein GETUSE und dieses Volk gehörte zu einer
Lebensform, die ihr körperliches Aussehen verändern konnten. Eigentlich
besäßen sie das Aussehen aller PLASMA Zivilisationen.
Eine ganz
neue Sichtweise tat sich für mich auf, die in den Würfeln nicht beschrieben
wurde. Ich als ~DES~ Reisender schien so wichtig zu sein, das eine
persönliche Sicherung sofort mit dem Töten begann, wenn ein Angriff auf mich
auch nur vermutet wurde. Sie hatten einiges für meine Sicherheit
unternommen.
Es blieben
einige Fragen offen, die mir Etahan auch nicht beantworten konnte oder
wollte. Wer die GETUSEN sind, fand ich später in den Würfeln. Warum sie
ihren Körper verändert hatten, um auf dem Hotelsatelliten nicht aufzufallen,
ist schon interessanter gewesen. Was für gefährlich eingestufte, "besondere
Stoffe" er auf den Satelliten hatte bringen wollen, musste ich auf jeden
Fall herausbekommen. Und warum griff Lovanal mich an? Hatte er mich nicht
als ~DES~ Reisenden erkannt? Diese Frage konnte mir Etahan beantworten.
Für andere
Personen stellte mein UKOM mich als "unbekannten Privaten" dar.
Eigentlich hätte ich auch selber darauf kommen müssen. Ich hatte in der
jüngsten Vergangenheit mit so fielen unterschiedlichen Lebensformen
gesprochen und es ist mir nicht mehr in den Sinn gekommen, das alles nur über den
UKOM ablief. Wenn er aber übersetzen konnte, dann konnte er es auch
lassen. Man musste es ihm nur sagen. Er ist wohl mehr als nur ein einfacher
Übersetzer. Etahan klärte mich dann unbefangen über ihn auf. Das
Sicherungsfeld gegen die Insekten auf dem Fest von VELL VANN hatte der
UKOM
erzeugt. Er ist es auch, der meine Zeitbasis festlegte und für die immer
gleiche Schwerkraft gesorgt hatte. Mit ihm konnte ich Formenergiedienste im
INSORINE Peiler steuern und über ihn wird auch meine persönliche Sicherung
aktiviert. Ohne den UKOM wäre ich blind, taub und wahrscheinlich
schon längst tot.
An dieser
Stelle seiner Ausführungen, durchlief es mich eiskalt. Was der UKOM
für mich ist, dass ist er auch für alle anderen. Sind alle Begrüßungen des
letzen Zeit echt oder nur eingerichtete Dienste mit Verhaltensweisen für
einen ~DES~ Reisenden gewesen? Ich erinnerte mich immer an "Freundliche"
Begrüßungen, auch bei unseren Vorstellungsbesuchen. Dabei meinte ich auch
ein undeutliches Gefühl von "lästig" mitbekommen zu haben. Selbst bei den
kühlen, zurückhaltenden OROREN kam immer auch "Freundlich" bei mir an. Der
UKOM, ein Kommunikativer Schutzmantel, hinter dem man sich verstecken
konnte? So ganz wohl nicht, sonst hätte ich nicht die Seltsamkeiten bei der
Begrüßung der Zivilisationen untereinander mitbekommen. Und wer hat einen
Einfluss darauf, wie ein UKOM übersetzte? Ich hatte ihm nicht gesagt,
mich als "unbekannte Privaten" darzustellen und ich bin mir auch ganz
sicher, ihn nicht aufgefordert zu haben, mich zu wecken. Und was war bei dem
Fest der ARILEN, die mich ja direkt berührt hatten? Warum hatte mein UKOM
das nicht auch als gefährlichen Angriff übersetzt? Man kann auch jemanden
mit den bloßen Händen töten.
Etahan schien
alle meine Überlegungen mitbekommen zu haben. Genau dass sei in der
Vergangenheit das größte Problem bei einem ~DES~ Reisenden gewesen, gab er
mir zu verstehen. Wie weit dürfe man in seine Persönlichkeitsrechte
eingreifen, ohne seinen Auftrag zu gefährden? Die Lösung sei dann eine
größere Sensibilisierung gewesen, auf die ein ~DES~ Reisender und sein
UKOM eingerichtet sind. Meine Reaktionen auf die jubelten Massen hatten
ihn von sich aus dazu veranlasst, mich nach Außen hin zu neutralisieren.
Meine Erwartung, mich endlich im System 003-NANROC umsehen zu können, hätte
den Termin mit ihm zu einem wichtigen Anlas gemacht, der auf keinen Fall
versäumt werden durfte. Lebenserhaltende Funktionen liefen weitgehend
automatisch ab und die persönliche Sicherung wird immer nur auf meine
eigenen Handlungen hin aktiv. In der Hotelhalle hatte mich der Blitz
erschreckt und bei den ARILEN hatte ich mich sichtlich wohl gefühlt. Und es
gebe tatsächlich so etwas wie ein spezieller Dienst für ~DES~ Reisende, der
von dem Volk der CLOC CALDE - über KOSMIC-LINK eingegeben - alle
Lebensformen mit einem UKOM - erreichte und ihrerseits
sensibilisierte.
Das war es
also!
Das
KOSMIC-LINK ist mehr als nur ein Informationsnetz, es lässt auch die
Beeinflussung seiner Benutzer zu und das Galaxisweit. Sobald ein Lebewesen
mit der GAON KORMA in Verbindung tritt, unterliegt es ihrer direkten
Kontrolle. Das schien kein Geheimnis zu sein, sonst hätte mir Etahan dass
nicht mal eben auf dem Flug zum Fest von Flahan-S003 mitgeteilt. Ich
erinnerte mich an Gus Niegen /KKK /D1 - er besaß keinen UKOM, aber unser
Generalsekretär. Bei der Verabschiedung hatte er ihn getragen.
Es gab
einiges was ich verarbeiten musste und am liebsten hätte ich mich in meine
Wohnung auf dem Hotelsatelliten zurückgezogen. Aber wir befanden uns im
Anflug auf die alte Systemverwaltung der TAARER auf der Oberfläche von
003-006-NANROC.
-9-
Das Fest von
Flahan-S003 ging mir dann noch zusätzlich unter die Haut. Wir hatten einen
dieser über 5000 Meter hohen Würfel angeflogen, der in einem Raster von
mehreren 100 Gebäuden dieses Typs nicht besonders heraus ragte und auch
keine zentrale Stelle eingenommen hatte. Flahan empfing uns persönlich auf
dem riesigen, windigen Dach. Unser Pendler ist das einzige Fahrzeug gewesen,
das ich bei unserem Anflug über dem Würfelraster gesehen hatte und auf dem
Dach waren wir auch die einzigen. Ich konnte es nicht verhindern, dass ich
bei allen TAARERN, die uns begegneten, nach dem UKOM Ausschau hielt -
und alle hatten sie einen. So überraschte mich der "freundliche" Empfang
jetzt nicht mehr besonders.
In einer
großen quadratischen Halle standen Hunderte von TAARERN in ihren silbrigen
Anzügen herum. Aber auch die bunten Überhänge von TAARERN in der Passivphase
konnte ich erkennen und Flahan begann mit der Vorstellung. Das gesamte Fest
bestand eigentlich nur aus dem Ritual einer Taarischen Begrüßung. Der
Begrüßte verschränkte dabei die Arme vor der Brust. Flahan erwähnte den
Namen und der Begrüßte neigte kurz den Oberkörper, bis sein Kopf in meiner
Augenhöhe ankam und ich die Spitze seines Gesichtes nur wenige Zentimeter
vor meiner Nase spürte. So ging das mehrere erdeStunden lang und am Ende bin
ich vollkommen erschöpft gewesen. Ich wollte keine Gleichgültigkeit
aufkommen lassen und hatte jede einzelne Begrüßung konzentriert mit gemacht.
Aber das schlimmste kam erst noch. Nachdem Flahan mir wirklich alle
anwesenden TAARER so vorgestellt hatte, begannen alle eine Art
akustisches Ritual durchzuführen. Sie bildeten dafür einen Kreis um mich,
was mich erst mal überraschte - bei ihrer Liebe für die quadratischen
Formen. Dann begann sie mit einem dumpfen Brummen, das sich langsam zu einem
hellen Pfeifen veränderte. Das ganze dauerte fast eine erdeStunde. Danach
leerte sich die Halle und Etahan und ich durften endlich wieder abfliegen.
Wie fremd mir
die TAARER nach diesem Fest vorkamen, kann ich heute kaum noch beschreiben.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich nur für ihre Militärische und
Wirtschaftliche Stärke interessiert. Von ihrem Gesellschaftssystem wusste
ich eigentlich überhaupt nichts. Das musste geändert werden sobald ich
wieder bei Sinnen war.
Erschöpft und
irgendwie leer erreichte ich damals meinen Schlafraum auf dem
Hotelsatelliten. Etahan hatte mich
diesmal bis zur Tür gebracht. Über fünf Schlafpausen meldete er sich nicht
mehr, wofür ich ihm auch sehr dankbar gewesen bin. Diese Zeit brauchte ich
einfach, um das erlebte zu verarbeiten und wieder einigermaßen
Aufnahmebereit für neue Realitäten zu sein. Sogar den Jahreswechsel auf der
Erde bekam ich nicht mehr mit. Zum ersten Mal auf dieser Reise kamen mir
Zweifel, ob ich überhaupt der Richtige für diese Aufgabe war. In diesen fünf
erdeTagen begann ich - eigentlich mehr als Konzentrationsübung - mit den
Entwürfen für meinen ~DES~ Bericht, den ich ja am Ende meiner Reise
abliefern sollte. Auf diese Weise konnte ich das erlebte ein- und zuordnen
und siehe da, ich erholte mich sehr schnell. Natürlich bin ich der Richtige
für diese Aufgabe, wie konnte ich nur daran zweifeln. Wenn ich es nicht
schaffte - wer dann?
Etwas ging
mir damals auf; alles was ich bis zu diesem Zeitpunkt erfahren hatte, kam
ohne Planung meinerseits einfach auf mich zu! Und hätte es dieses
Missgeschick mit Lovanal nicht gegeben, der Aufbau des KOSMIC-LINK wäre mir
immer noch vollkommen fremd gewesen. Ich kam zu dem Schluss, dass ich für
meine weitere Reise selber die Ziele aussuchen musste.
Die
Besonderheiten im Zusammenlebe der Zivilisationen innerhalb der GAON KORMA
konnte ich nicht auf einer einzigen Reise begreifen. Ich hatte auf fünf
Festen einen winzigen Einblick in die Lebensweise der gastgebenden Völker
bekommen. Dabei erschienen sie mir noch fremder geworden zu sein, als sie es
vorher schon waren. Jedes dieser Völker würde ich nur dann richtig kennen
lernen, wenn ich sie in ihrer Heimat besuchte. Jetzt aber bin ich bei den
TAARERN und sie wollte ich endlich besser kennen lernen.
Dass sie
Mitgliedern anderer Zivilisationen ihre Systeme öffneten, hatte ich
begriffen. Ihre Stellung innerhalb der GAON KORMA schien mir auch klar zu
sein. Ihr soziales und politisches System aber ist immer noch fremd für mich
gewesen. Dabei sind sie seit 130 erdeJahren unsere Förderer. Wieso
eigentlich nimmt es eine so große und mächtige Zivilisation wie die TAARER
auf sich, ein so kleines und unbedeutendes Volk, wie wir MENSCHEN es sind, soweit
aufzubauen, das es in die GAON KORMA aufgenommen werden kann und das mit den
gleichen Rechten wie sie selbst? Das Verhältnis unserer beiden Völker
zueinander ist schon sehr seltsam. Alles was und wer wir sind, verdankten
wir den TAARERN. Dabei haben wir nichts als Gegenleistung anzubieten.
Rohstoffe in natürlicher Form sind auf der Erde heute Mangelware. Die rückgebauten Rohmaterialien müssen auf dem MARS erst neu verdichtet werden
und sind deshalb noch kein Handelsgut. Das Salz, das die INSORINE auf der
Erde fördern, ist wohl nur mehr eine Geste als ein Geschäft. Was also sind
wir MENSCHEN für die TAARER wirklich? Die Beantwortung dieser Frage erhob
ich damals zum wichtigsten Ziel meiner ersten Reise.
Die
Strukturen innerhalb der GAON KORMA zu begreifen, sollte mich den Antworten
näher bringen die ich suchte. Das KOSMIC-LINK hatte sich als Basisdienst
herausgestellt, soviel wusste ich zu diesem Zeitpunkt schon. Seinen genauen
Funktionsumfang hatte ich zwar nicht begriffen, aber ich vermutete, das
dieses Netz wahrscheinlich von mehreren Zivilisationen betrieben wurde,
ähnlich wie der Portaldienst der TAARER, bei dem ja auch mindesten drei
Zivilisationen beteiligt waren. Einer dieser Lebensformen - die RAPI - ist
auch Bestandteil des KOSMIC-LINK, da sie ja in jedem UKOM vorhanden
waren. Wahrscheinlich ist der gesamte Portaldienst Bestandteil dieses
Netzes. Die Dimensionen begannen mir damals in Anfängen zu dämmern. Bei
einem so dicht geschnürten Netz, in dem alle Lebewesen, die sich auf
Raumpeilern von ihren Heimatwelten entfernten, einen UKOM besitzen
mussten, um überhaupt zu Überleben, konnte es nicht nur eine Zentrale geben.
Auf meine Anfrage in der Würfelbibliothek hin, wie viel besiedelte Welten
zur GAON KORMA zählten, erhielt ich die Antwort "über 200.000".
Keine
einzelne Organisation konnte eine solche Menge von Planeten kontrollieren.
Wenn man noch die Satelliten dazurechnete, die sicher in die Hunderte
Millionen gingen, von den Milliarden Raumpeilern ganz zu schweigen, erschien
es mir vollkommen unwahrscheinlich, das es überhaupt eine Instanz geben
könnte, die im Stand gewesen wäre, dieses Netz zu kontrollieren. Zumal ich
ja auch festgestellt hatte, das es Freiräume für einzelne Individuen gab.
Warum sollten wohl die TAARER unliebsame Personen nicht in ihre Systeme
lassen? Doch nur aus dem einen Grund, weil sie sich nicht so verhalten hatte
wie sie es erwarteten. Und was war mit Lovanal? Alles deutete darauf hin,
dass er ein bekannter Schmuggler gewesen ist. Was er geschmuggelt haben
konnte, würde ich auch noch heraus bekommen, sobald ich mehr über die
Bedürfnisse dieser Satellitenzivilisation wusste. Auf jeden fall hatte das
riesige Kontroll- und Kommunikationsnetz KOSMIK-LINK seine Lücken.
-10-
Das /KIS
Pärchen meldete sich pünktlich am 1. Januar 1/2153 und wüsche mir ein
erfolgreiches Jahr. Ich beschloss damals, doch mit ihnen zusammenzuarbeiten,
wenn sie wenigsten einen gewissen Umgangston wahren würden. Ich hatte
gemerkt, dass ich bei aller Unabhängigkeit auf meine Wurzeln nicht
verzichten konnte. Für manche Themen braucht man eben einen menschlichen
Gesprächspartner.
Etahan
meldete sich am 03. Januar 1/2153 sehr förmlich über meinen UKOM an.
Er hatte sich in der Vergangenheit immer so mit mir in Verbindung gesetzt,
dass ich mir nichts dabei dachte, als er von neuen Zielen sprach. Seinen
alten Besuchsplan hatten wir zwar noch lange nicht abgearbeitet. Unter
anderem fehlte noch das Entwicklungsmuseum für befreundete Zivilisationen.
Ich hatte mich aber schon daran gewöhnt, dass er die Besichtigungsziele
aussuchte. Seine Förmlichkeit hätte mich allerdings stutzig machen müssen.
In den
vergangenen fünf erdeTagen hatte ich einige Anfragen über meinen UKOM
gestartet. Sie betrafen hauptsächlich das Thema Taarische Kultur und Aufbau
ihres Gesellschaftssystems. Das hatte ich endlich begriffen, ich musste mit
meinen Fragen immer bei den Haupteinrichtungen beginnen, also bei der GAON
KORMA oder deren Vertreter selbst und der Regierung einer Zivilisation, oder
besser bei der Organisation, die ich als solche verstand. Und ich hatte
Erfolg gehabt, mehr als wenn ich nur in den Bibliothekswürfeln gesucht
hätte. Keine meiner Anfragen ist abgelehnt worden, alle hatten sie - nach
einer gewissen Zeit - ausführlich geantwortet.
Meine
Themenauswahl ging sehr tief an die Wurzeln der Taarischen Zivilisation
heran. Meine Würfel versorgten mich mit geschichtlichen Fakten. Fragen, die
auf die Gesellschaftsform der Taarischen Zivilisation abzielten, musste ich
direkt an die betreffenden Institutionen stellen. Ihr Staatsarchiv und ihre
Hauptvertretung auf 001-DESTAAR hatte ich somit direkt angesprochen. Von
einer Taarischen Regierung wollte ich nach meinen Anfragen nicht mehr
sprechen. Sie gab es nämlich gar nicht oder besser, sie existierte nicht so,
wie ich es mir vorgestellt hatte. Der Erste TAAR, der offiziell als eine Art
gewählter Monarch die gesamte Zivilisation repräsentierte, ist alles andere
als der politische Kopf dieses Volkes. Die TAARER besaßen als Basis ihres
Gesellschaftssystems eine so genannte Gendiktatur. So umschrieb es jedenfalls
ein Bericht der GAON KORMA.
Die
Verwaltungsstrukturen innerhalb der Taarischen Zivilisation hatten nichts
mehr mit dem zutun, was ich von den MENSCHEN her kannte. Bei uns ist der
:Sicherheitsrat: die Vertretung aller MENSCHEN. Er wird innerhalb von 10
erdeJahren fließend neu besetzt und jeder kann - bei entsprechender
Qualifikation - Mitglied werden. Die Position des Generalsekretärs wechselte
sogar alle sechs erdeMonate und hatte eigentlich nur eine repräsentative
Funktion. Die eigentliche Regierungsarbeit wird von unserem :Verwaltungsrat:
ausgeführt. Er besteht aus Fachleuten, die vom :Sicherheitsrat: immer wieder
neu bestimmt werden. Regelmäßig hatte ich die Ausschreibungen in den /KIK-
Nachrichten verfolgt. Nur hatte ich keine der gesuchten Qualifikationen
vorweisen können, bis auf die Ausschreibung der /KKK, in der Reisende
gesucht wurden. Die TAARER dagegen besaßen eine biologische
Grundprogrammierung, nach der sie alle - ausnahmslos - handelten. Eigentlich
sind alle TAARER Bestandteil ihrer Regierung. Sprichst du mit einem,
sprichst du mit allen. Ich habe in all den Jahren meiner Reisetätigkeit
keine einzige Handlung eines einzelnen TAARERS mitbekommen, die wissentlich
gegen die Interessen seines eigenen Volkes gerichtet gewesen ist. Alle sind
sie Teil dieser Gendiktatur. Deshalb können sie es sich leisten, als
Regierung nur eine Symbolfigur, ein Passives Mitglied ihres Volkes zu
bestimmen. Diese Symbolfigur ist auch eigentlich nicht für die TAARER selbst
bestimmt, sondern eher für alle anderen Zivilisationen.
Die
Bezeichnung Neu-Humanoide verstand ich erst jetzt so richtig. Die RAHNN
hatten vor 180 Dekaden nicht nur die Körperform eines Humanoiden Wesens
nachgebildet, sondern auch eine ihrer Führungsstrukturen. Allerdings, in
beiden Fällen, ohne deren grundsätzliche Funktion. Der Erste TAAR besaß also
keine wirkliche politische Macht. Die lag bei der Gesamtmasse der PLASMA
Substanz, aus der ein TAARER "gemacht" ist und die nur auf den 199
Reprowelten existierte!
So ist es
auch klar, warum die TAARER die größte und mächtigste Zivilisation in GAON
werden konnten. Jeder einzelne TAARER arbeitete bewusst daran mit.
Eigentlich könnte man ihre Zivilisation auch als ILO - Integrierter
Lebensorganismus - bezeichnen, wie es sie ja auch tatsächlich in den GAON
KORMA Richtlinien gab, nur existierte da ein entscheidender Unterschied zu
diesem Entwicklungsstamm, die TAARER sind nicht wirklich unsterblich!
Ihr
Gesellschaftssystem gestaltete sich überraschend vielfältig. Bei einer so
umfassenden Gendiktatur hätte ich nicht erwartet, dass es so
unterschiedliche Formen des Zusammenlebens bei ihnen gab. Von einem
Einzelgänger bis zu Clanartigen Gruppierungen ist bei ihnen alles vorhanden.
Jede dieser überraschend individualistischen Lebensweisen wird durch
entsprechende Einrichtungen offiziell unterstützt. Es gab Wohnungen in den
unterschiedlichsten Größen und Ausstattungen, angefangen von einfachsten
Einpersonen Häuser bis zu luxuriösen Massenunterkünften.
Was es bei
den TAARERN aber nie gegeben hatte, das ist die Existenz von Randgruppen.
Selbst wir MENSCHEN haben ihre Entstehung in unserer eigenen, jungen
Zivilisation nicht vollkommen verhindern können. Alle Generationen, sogar
die aller erste, lebten nebeneinander. Das die Denkweise eines MENSCHEN auch
etwas mit seinem biologischen Alter zutun hatte, ist wohl eine Tatsache. Ich
hatte in meinem Rückbaujahr einige dieser alten Personen kennen gelernt. Sie
selbst schätzten ihre Lage allerdings vollkommen anders ein, als ich es
damals tat. Die vier alten Privaten, die ich in den Berner Alpen im Großraum
ehemals Paris entdeckte, nannten es Leben im Einklang mit der Natur und der
alte, heruntergekommene und kranke Mann am Schwarzen Meer, sprach von der
Freiheit des Geistes, der man auch seine Gesundheit opfern müsse. Was er
genau damit meinte, habe ich damals nicht verstanden.
Die TAARER
kannten solche individuellen Ausprägungen nicht. Jeder einzelne von
ihnen lebte, ob allein oder in großen Gruppen, aktiv oder passiv, ein Leben
im Bewusstsein für seine Zivilisation einen wichtigen Beitrag zu leisten.
Bei der
Durchsicht der verschiedenen Antworten ist mir eine seltsame Mischung von
Individualität und Vereinheitlichung bei den TAARERN aufgefallen. Ihre Denk-
und Handlungsweisen im Bezug auf ihre eigene Zivilisation konnten
einheitlicher nicht sein. Den Lebensstiel des einzelnen TAARERS dagegen,
musste man schon als sehr individualistisch bezeichnen. Bestimmte Elemente
des Zusammenlebens fehlten bei ihnen aber vollkommen. Sexualität kannten die
TAARER überhaupt nicht. Sie besaßen nicht einmal ein Word dafür. Bei uns
MENSCHEN spielt sie zwar auch nicht mehr die Rolle, wie sie es bei der Alten
Menschheit noch tat, aber die Zivilisation der IROITEN zeigte deutlich, das
sie eine Grundidee des Humanoiden Stammes ist. Sie gilt als Basis unserer
Existenz, auch wenn wir MENSCHEN heute nur noch in Tangs gezeugt werden. Und
vollkommen ist dieser Trieb aus unseren Genen ja auch nicht verschwunden.
Selbst ich spürte manchmal eine Unruhe, die ich mir rational nicht erklären
konnte. Dann war ich zu Handlungen fähig, die mir bei klarem Verstand nie in
den Sinn gekommen wären. Wenn ich da nur an meine Ausbildungszeit auf der
Insel Irland denke, eine ganze Küche musste damals darunter leiden.
Diese
unkontrollierten Phasen einer inneren Anspannung kannten die TARRER absolut
nicht. Ich fand wenigstens keinen Hinweis in den Antworten, die auf ein
Taarisches Aggressionspotenzial hinwiesen. Mir erklärte das die Stellung,
die sie innerhalb der GAON KORMA einnahmen. Da sie anscheinend keine, sich
heimlich anstauende Aggression kannten, sind sie auch keine Gefahr für alle
anderen Völker. Nur wenn man versuchte ihre Zivilisation als ganzes
anzugreifen, konnten sie äußerst aggressiv reagieren. Die ARILEN hatten dies
beim Reprokrieg vor 90 Dekaden schmerzlichst erfahren müssen. Dieser Krieg
schien übrigens die letzte große gewalttätige Auseinandersetzung in der
Geschichte GAONS gewesen zu sein. Die TAARER hatten es wohl allen anderen
Zivilisationen gezeigt, zu was sie fähig waren.
Das ein
Taarisches Leben in eine aktive und eine passive Phase eingeteilt wird,
wusste ich ja schon von den beiden Mitreisenden Vahan und Haharo. Dass diese
Passiven TAARER für die gesamte künstlerische Kreativität dieser
Zivilisation verantwortlich zeichneten, bekam ich von ihrem
Zivilisationsarchiv bestätigt. Schienen sie in ihrer Aktivphase die gesamte
Kraft in den Aufbau ihrer Zivilisation zu investieren, arbeiteten sie in
ihrer Passivphase hauptsächlich auf sich selbst bezogen. Das diese
grundsätzlich unterschiedlichen Lebensweisen durchaus innere Konflikte
bilden konnten, hatten die TAARER wohl begriffe. Deshalb trennten sie
Personen der beiden Lebenszustände von einander. Die passiven TAARER lebten
und arbeiteten auf den so genannten Passivwelten ihrer Zivilisation. Auch
hier muss man für ein besseres Verständnis, die Begriffe umkehren. So aktiv,
vielfältig und lebhaft wie diese Passivwelten heute sind, gaben sich die
Taarischen Aktivwelten lange nicht. Selbst ihre offenen Handelssysteme, mit
ihrer Vielzahl von Mitgliedern anderer Zivilisationen, konnten nicht
annähernd eine solche kulturelle Vielfalt vorweisen. Ich habe später selbst
einige Zeit auf einer dieser Passivwelten gelebt. Er sind einige meiner
schönsten lebensJahre gewesen.
Bleibt noch
das Ende eines Taarischen Einzelwesens, denn auch vom Tod in unserem Sinn
kann bei ihnen nicht die Rede sein. Bei uns ist der gesamte Körper der
Behälter von Lebensenergie. Mit seinem Wachstum und der Aufnahme von
Erfahrungen ist er auch für die Ausbildung unserer Individualität maßgeblich
verantwortlich. Stirbt unser Körper durch das Versagen einzelner Organe ab,
verflüchtigt sich unsere gesamte Lebensenergie auf einen Schlag und wir
existieren nicht mehr als Person.
Die
überarbeitete PLASMA Substanz, aus der ein TAARER besteht, besitzt dagegen
keine spezialisierten Moleküle. Alle sind für alles zuständig. Solange auch
nur ein Molekül eines einzelnen TAARERS existiert, ist er als Lebewesen
nicht tot. Seine Individualität aber verliert er schon beim Abfall eines
Armes! Sie ist nämlich abhängig von der Gesamtmasse, der beim "Erwecken"
zusammengefassten Moleküle. In einer der Antworten auf meine ganz konkreten
Anfrage an ihr Zivilisationsarchiv stand, das sich die - beim Erwecken eines
Taarischen Einzelwesens - eingesetzte Polungsenergie im laufe der Zeit
verbrauchte. Unterhalb einer bestimmten Menge dieser Polungsenergie konnte
das Individualitätspotenzial nicht mehr gehalten werden. Das sei dann das
Ende eines TAARERS als Individuum.
Seinen Körper
oder besser die Reste davon, brachte man wieder zur Ursprungs- Reprowelt
zurück. Mit anderen Molekülen und einer neuen Polung "produzierte" man dann
ein neues Taarisches Einzelwesen. So konnte es durchaus sein, das Etahan
Moleküle von Hunderten ehemals eigenständiger TAARER in sich trug. Dieses
Bewusstsein, biologisch fast unsterblich zu sein, durchdrang ihre gesamte
Zivilisation. Die Frage nach dem Sinn des Lebens, die wir
Einzelkörpergebundenen Humanoiden uns immer stellen, ergab sich bei ihnen
einfach nicht. Sie sind immer, irgendwie. Ihre Individuelle Existenz sehen
die TAARER nur als einen Abschnitt ihrer Entwicklung an. Wahrscheinlich ist
das auch einer der Gründe für ihren Erfolg als Gesamtzivilisation. Das die
Lebensenergie eines TAARERS und die eines MENSCHEN den gleichen Ursprung
hat, wurde mir erst auf einer meiner späteren Reise klar.
Mit diesem
Wissen über seine Zivilisation trat ich dann Etahan gegenüber und ich hatte
zum ersten Mal den Eindruck, als sei er verlegen – oder so ein ähnliches
Gefühl. Mir zeigte sein Verhalten, das ich überwacht wurde. Aber dass ist
mir schon auf dem Flug zum Fest von Flahan klar geworden. Wenn sie dass
taten, sollten sie auch etwas davon haben. Wahrscheinlich bin ich deshalb so
mutig geworden und hatte solche direkte Fragen gestellt.
Etahan
überraschte mich mit einem vollkommen neuen Reise- und Besichtigungsplan. Es
fiel mir auf, dass er beabsichtigte das System 003-NANROC zu verlassen.
Einen Zusammenhang der einzelnen Ziele konnte ich auch nicht mehr erkennen.
Er hatte die großen und wichtigsten Standorte seiner Zivilisation ausgesucht
und er wollte als Erstes natürlich in sein Hauptsystem 001-TAAR. Weitere 16
Ziele, die wichtige Funktionen ausübten und seiner Meinung nach einen
Einblick in die Taarische Zivilisation erlaubten, sollten sich anschließen.
Mir ging das
jetzt alles etwas zu schnell. Natürlich wollte ich auch in ihr Hauptsystem,
nur hatte ich 003-NANROC noch nicht ganz verkraftet. Und dieses System ist
nur ein Taarischer Außenposten gewesen. Wie musste es dann erst in ihrem
Hauptsystem aussehen? Und dann noch der galaktische Handelsmittelpunkt -
408-ORONDA - den Etahan auf seinem Reiseplan hatte. Es überstieg noch einmal
die Dimensionen von 001-TAAR um ein vielfaches. Von der wirtschaftlichen
Seite aus gesehen, besaß das Hauptsystem der TAARER nämlich nur einen
mittleren Stellenwert. Ich füllte mich zu diesem Zeitpunkt einfach noch
nicht in der Lage, einen noch größeren Beweis der Taarischen Überlegenheit
kennen zu lernen. Wenn ich mich jetzt nicht mit einer eigenen Reiseplanung
durchsetzte, musste ich die nächsten sechs erdeMonate auf einem Raumpeiler
von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten reisen und die Eindrücke würden mich
überfluten.
Zur
Befriedung meiner Neugier wäre eine solche Reise sicher genau das Richtige
gewesen. Ob ich aber neue Hinweise auf meine Fragen nach dem Grund für die
Taarische Sorge uns MENSCHEN gegenüber gefunden hätte, erschien mir
fraglich. Meine Ungeduld ließ eine so langwierige Erkenntnisreise im Moment
einfach noch nicht zu. Mir fehlten einige grundsätzliche Antworten, ohne die
ich 003-NANROC nicht verlassen wollte.
Ich bin
damals bereit gewesen, mich bei Etahan unbeliebt zu machen. Seine kühle Art
hatte verhindert, dass ich ihn als befreundete Person ansah. Er ist der
Reisebegleiter, der die Aufgabe hatte, mich als ~DES~ Reisenden zu
unterstützen. Natürlich ist er mehr gewesen als das. Obwohl ich nie erfahren
habe, ob sie ihn speziell für mich "erweckt" hatten, deutete doch vieles
darauf hin, dass er auf seine Aufgaben hin ausgerichtet worden ist. Ich
hatte mich in eine Stimmung hinein gesteigert, die es mir ermöglichen
sollte, Etahan selbstbewusst entgegen zu treten. Er würde bestimmt wieder
versuchen seine Pläne durchzusetzen.
Sein
Verhalten brachte mich dann aber vollkommen aus dem Konzept. Natürlich sehe
er ein, dass ich einige grundsätzliche Fragen klären müsse. Meine schöne
aggressive Stimmung verpuffte auf einen Schlag. Er bot mir sogar seine
Unterstützung an, um die besondere Beziehung, die seine Zivilisation zu uns
MENSCHEN hatte zu ergründen, dafür sei er schließlich da. Grundsätzlich habe
jede Lebensform seinen Platz innerhalb der GAON KORMA - und eine Aufgabe!
Das sei ein Grundgedanke aller GAON Zivilisationen. Selbst kleinste Völker
können für die Gemeinschaft einen wichtigen Beitrag leisten. Zum ersten Mal
hörte ich aus seinem Mund oder besser übersetzte mein UKOM unseren
Namen für die Kosmische Zeiterfassungsorganisation. Etahan hatte bis dahin
immer nur von seinem Volk oder von der ORGANISATION gesprochen, wenn es um
Funktionen der GAON KORMA ging. Sein Hinweis auf eine Aufgabe ließ mich auch
aufhorchen. Hatte nicht auch unser Generalsekretär von einer Aufgabe
gesprochen? Ich hörte hier zum ersten Mal etwas von einer Aufgabe, die wir
MENSCHEN als ganzes für die GAON KORMA erfüllen sollten. In wieweit meine
Funktion als ~DES~ Reisender mit dieser Aufgabe der MENSCHEN gleich kam,
konnte ich damals noch nicht übersehen.
Es ist dann
noch ein aufschlussreiches Gespräch geworden. Etahan klärte mich beiläufig
über einige Besonderheiten im Zusammenleben der Völker untereinander auf.
Auslöser ist dabei meine Frage nach den GETUSEN gewesen. Sie hatten
tatsächlich die offizielle Aufgabe zu schmuggeln. Etahan umschrieb es
allerdings freundlicher mit Durchführung von "Illegale Transaktionen".
Es gab
Lebensformen in der GAON KORMA, erklärte er mir, die nicht damit zufrieden
sind, ihre ganze Kraft für die Weiterentwicklung einer einzelnen Galaxis
einzusetzen. Sie wollen das gesamte Universum ihren privaten Vorstellungen
unterordnen. Für diesen Personenkreis reichte dann meist eine
stellvertretende Instanz aus, der man verdeckt diese Zielvorgaben mitgab. So
entwickeln verschiedene Fachzivilisationen bestimmte Organisationsformen,
die - von der GAON KORMA kontrolliert - diese Ziele offiziell anstrebten. Es
entstanden so die unterschiedlichsten Gebilde. Angefangen von religiösen
Sekten, wie die -CONRA- , die -CAMASIN- oder die -DOLNE- , die alle einen
Heilsbringer erwarten, über die Ökobiologisch ausgerichtete -VE-, die einen
Verschmelzungsvorgang propagiert, bis zu politischen Vereinigungen in
unendlicher Zahl, die einer vermeintlich oder tatsächlich benachteiligten
Gruppe die Möglichkeiten versprach, andere Gruppen in ihren Zustand zu
bringen. Was dann wieder eine neue Vereinigung nötig machte, die das gleiche
für diese Gruppe erreichen sollte und so weiter.
Eine dieser
Organisationsformen, die hauptsächlich von Humanoiden genutzt wird, hatte es
sich zur Aufgabe gemach, die persönliche Freiheit eines Einzelwesens zu
mehren. Gemeint ist damit die kurzzeitige Befreiung vom Einfluss des UKOM.
Ganz auf ihn verzichten wollte und konnte natürlich niemand. Aber man
erhoffte sich mehr persönliche Freiheiten, wenn man sich kurzzeitig seinem
Einfluss entzog, ohne ihn vom Handgelenk nehmen zu müssen. Um das zu
erreichen, brauchte man "besondere Stoffe", um den Geist kurzfristig zu
verwirren und die hatte Lovanal versucht auf den Hotelsatelliten zu bringen.
Das diese "besonderen Stoffe" äußerst gefährlich und für so machen
Verbraucher auch schon tödlich gewesen sind, spielte für die -MARD-, so der
Name der Befreiungsgruppe keine Rolle. Das man "besondere Stoffe" natürlich
nicht in den Materialspendern anbieten konnte, sollte klar sein.
Andererseits existiert ein Bedarf, den man befriedigen musste. Und dafür
brauchte man eben Spezialisten für "Illegale Transaktionen", also die
GETUSEN. Der Aufwand der Beschaffung der Grundstoffe und der Herstellung,
die Heimlichkeit, mit dem der gesamte Vorgang abgewickelt werden musste, all
das verteuerte natürlich diese "besonderen Stoffe" gewaltig. Sie besaßen
somit eine Bewertung, die nur sehr wenige Humanoide besaßen. Und sollte
tatsächlich ein Verbraucher umkommen, war das manchmal sogar gewollt. Es
genügt schon allein das Wissen um die Existenz dieser "besonderen Stoffe",
um ein Bedürfnis zu befriedigen.
-11-
Ich hatte mit
Etahan vereinbart, das wir als erstes das Museum für befreundete
Zivilisationen besuchen sollten, womit er natürlich sofort einverstanden
gewesen ist. Ich hätte mir einige Umwege ersparen könne, wenn wir als erstes
Besuchsziel diesen Satelliten ausgesucht hätten. Am 5. Januar 1/2153 betrat
ich dieses Museum. Ähnlich wie der Externe Zugriffssatellit umkreiste er
REPRO-003. In allem anderen aber unterschied er sich vollkommen von ihm. Als
wir uns dem Satelliten näherten, fiel mir der
dichte Verkehr um ihn herum auf.
Sein Aussehen
hatte nichts mehr mit der Taarischen Vorliebe für die quadratischen Formen
zu tun. Er stellte sich wie die wirren Konstruktionen der IROITEN und ARILEN
dar, nur um einiges größer. Die gesamte Anlage beherbergte nicht nur das
Museum, sonder auch einige Hotels, mehrere Vergnügungs- und
Geschäftsausleger und einen Satelliten als Anlegestelle für private
Raumpeiler. Ein riesiges Touristenzentrum, das auch ein Museum beherbergte,
deshalb der dichte Verkehr. Und ich hatte schon geglaubt, Geschichtsmuseen
seihen in der GAON KORMA besonders beliebt. Nach der Stille und
Abgeschiedenheit auf dem Externen Zugriffssatelliten, bekam ich hier doch
einen freundlicheren und belebteren Eindruck, obwohl Etahan und ich an
diesem Tag die einzigen Besucher des Museums gewesen sind. Der
Eingangsbereich schien für größere und fremdartige Lebensformen vorbereitet
zu sein. Ein Zylindrischer Raum, vielleicht 500 Meter lang und fast 100
Meter hoch, den wir beide alleine durchschritten. Danach schloss sich eine
Verteilerhalle an, die nicht viel kleiner zu seien schien. Verschiede
Themenschwerpunkte konnte ich hier aussuchen. Etahan wählte den Eingang
"Erste TAARER Kontakte" und wir beide tauchten in einen seltsam gestalteten
Bereich des Museums ein.
Ich hatte
nicht damit gerechnet, wirklich ein Museum vorzufinden, in dem es
Gegenstände gab, die in Vitrinen aufgestellt, riesige Hallen füllten. Zum
Glück hatten sie hier Distanzraffer eingerichtet. Es währe nicht zumutbar
gewesen, die Hunderte von Kilometern ohne technische Hilfsmittel
abzuwandern. Auf unserer Museumsinsel Menhetten hatte ich ähnliche
Einrichtungen schon gesehen. Wenigsten was den grundsätzlichen Aufbau
anging. Die Vitrinen im Entwicklungsmuseum der TAARER sind bis zu 40 Meter
hohen Würfeln gewesen, mit durchsichtigen Wänden und eigenen Atmosphären.
Innen hatten sie ganze Landschaften und Gebäudegruppen aufgebaut. Richtige
kleine Geschichten konnte man sich erzählen lassen. Etahan schien zu wissen
wo hin er wollte. Mit wenigen Schritten durchwanderten wir zwei der langen
Hallen, ohne das er eine der vielen Szenen beachtete, bis er plötzlich vor
einem dieser Würfel stehen blieb. In ihm fand ich dann unser Sonnensystem in
verkleinerter Darstellung vor, den originalen Proportionen entsprechend
nachgebaut. Mein UKOM übersetzte die Aufschrift an einer kleinen
Konsole, die aus dem Würfel ragte, mit "MENSCHEN Kontakte". Ich bin an der
richtigen Stelle angekommen, dachte ich damals.
Was sich mir
als geschichtlicher Überblick darbot, verstand ich erst gar nicht. Die Erde
tauchte als Modell mehrere Mal aus dem dunklen Hintergrund des Würfels auf
und jedes Mal sah sie anders aus. Bis ich endlich begriff, das ein
Zeitablauf nachgebildet werden sollte!
Wie lange
kannten die TAARER die Erde schon? Was gab es sonst noch vor uns? Ich lies
das Programm noch einmal ablaufen und mein UKOM unterstützte mich,
indem er eine Zeittabelle mitlaufen ließ, die mit -45/500 begann. Er zeigte
nicht erdeJahre als Zeiteinheit an, sonder GKZe in Dekadenschritten, was für
mich auch logischer erschien. Grob geschätzt begann der Überblick also vor
140.000 erdeJahren. Meine Zweifel, ob es eine vermutete Entwicklung oder
eine wirklich beobachtete war zerstoben, als das Modell eines Taarischen
Raumpeilers entstand, der sich dem ersten Erdemodell näherte, es umrundete
und wieder verschwand. Die TAARER haben die Erde also tatsächlich schon vor
über 96 Dekaden gekannt und ihre Raumpeiler hatten diese plumpe Form bis
heute behalten.
So verwundert
über diese Erkenntnisse bin ich damals eigentlich gar nicht gewesen. Ich
wusste ja schon das die TAARER wahrscheinlich vor 180 Dekaden, also um
-129/500 entstanden waren. 003-NANROC ist ihr drittes Sonnensystem, also
musste es schon sehr früh von ihnen besiedelt worden sein. Die SONNE liegt
nur 216 lichtJahre von ihm entfernt und ist in 68 erdeStunden erreichbar,
liegt also in ihrem direkten Einzugsgebiet. Verwunderung überkam mich
darüber, das ich selbst bis jetzt die ERDE immer am Ende der bewohnten
Milchstraße gesehen hatte, dabei lag sie mitten drin. Es folgte das zweite
und dritte Modell der ERDE und jedes Mal umrundete ein Raumpeiler die
Modellkugel und verschwand wieder. Beim vierten Durchlauf ging vom
Raumpeilermodell ein rotes Feld aus, das die ERDE einhüllte. Das wiederholte
sich weitere acht Mal. Etahan erklärte mir dass mit gescheiterten
Kontaktversuchen. Erst beim dreizehnten Durchlauf konnte ich auf der
Modellerde bekannte Küstenlinien erkennen. Die mitlaufende Zeittabelle stand
jetzt bei +16/500, also 16 Dekaden oder 24.000 erdeJahre nach der Gründung
der GAON KORMA. Jetzt ging von der Erde ein rotes Feld aus, das versuchte
den Raumpeiler zu erreichen. Das muss vor etwa 53.000 erdeJahren gewesen
sein. Das Raumpeilermodell antwortete mit einem gelben Feld und verschwand
wieder. Etahan sprach vom ersten missglückten Kontaktversuch, der für die
damalige Lebensform auf der Erde tödlich geendet habe.
Beim
vierzehnten Durchgang erschien wieder das rote Feld aus dem Raumpeilermodell
und erst der fünfzehnte Durchgang betraf unsere jüngere Vergangenheit. Die
Zeittabelle stand jetzt bei 51/030, also nur noch 150 erdeJahre von meiner
Realität entfernt. Wieder ging vom Taarischen Raumpeiler ein rotes Feld aus,
das die Modellkugel der Erde einhüllte. Diesmal veränderte sich aber die
Farbe der Kugel von einem schmutzigen graubraun zu einem satten grün. Es
entstand das Symbol der GAON KORMA - die in acht Kuchenstücke zerteilte und
unterschiedlich eingefärbte Darstellung der Galaxis GAON. Die
Beitrittsfanfare erklang und unser Symbol - die vereinfachte Darstellung
unseres Systems mit ihren neun Planeten - überstrahlte, immer größer
werdend den gesamten Würfel.
Überwältigt,
verblüfft - seltsamerweise nicht überrascht - trotzdem irgendwie taub, stand
ich vor einem würfelförmigen Gebilde, in einer riesigen Halle, auf einer
wirren Satellitenkonstruktion, in einem System der TAARER, 216 lichtJahre
von dem Punkt entfernt, dessen Geschichte ich gerade - wenn auch nur
modellhaft - miterlebt hatte.
Etahan führte
mich noch durch einige andere Abteilungen des Museums. Ich sah weitere
Würfel mit Darstellungen von wahrscheinlich alten irdischen Landschaften,
fremdartigen Lebenssituationen in primitiver Umgebung und Personen, die ich
nicht mehr wirklich wahr nahm, geschweige den zuordnen konnte. Begriffen
hatte ich wenig. Das es vor 53.000 erdeJahren eine Zivilisation gegeben
haben soll, die im Stand gewesen ist, den Raumpeiler der TAARER anzugreifen
und vielleicht noch den Farbwechsel der Modellerde, was wohl den Austausch
der Alten Menschheit gegen uns MENSCHEN bedeuten sollte. Ich wartete damals
immer noch auf eine multimediale Erklärung zu den dargestellten Ereignissen,
die aber nie kam. Nur die Szene aus dem Jahre 2030, in der einige Mitglieder
der Alten Menschheit und TAARER gemeinsam auftraten und die Gesichtszüge des
damaligen Generalsekretärs Ngujen, sind das einzige was mir noch in
Erinnerung geblieben ist.
Die Realität
holte mich erst wieder ein, nachdem Etahan mich wieder auf "Ruhe für
Geist und Körper" abgeliefert hatte. Das /KIS Pärchen fing mich schon in der
Empfangshalle ab. Ich bekam noch mit, wie sich wieder eine dunkle,
durchsichtige Fläche aufbaute und einige Humanoide Wesen um mich herum
zu Klumpen verformten, schrumpften und verschwanden. Frau Fananga und Herr
Ganos griffen unter meine Arme und schleiften mich förmlich zu meiner
Wohnung. Ich hatte das unbestimmte Gefühl etwas verpasst zu haben.
Ich erwachte
am 6. Januar 1/2153 wieder erschreckt, auf meiner Matte, in meiner Wohnung
auf dem Hotelsatelliten "Ruhe für Geist und Körper". Alpträumen hatte ich in
der Vergangenheit eigentlich nicht gekannte, nur hier wurden sie mir langsam
zur Gewohnheit. Wieder konnte ich mich nicht an ihn erinnern. Irgendein
wirres Zeug von dunklen Flächen und aufbrechenden Kugeln. "Dunkle Flächen"
ist dann das Stichwort gewesen, das mich an den vergangenen Abend erinnerte.
Ich musste wissen, ob meine UKOM Sicherung wieder eingegriffen hatte.
Etahans Hinweis viel mir wieder ein, das ich es selber bin, der sie
unbewusst aktivierte. Sollte ich gestern wieder einige GETUSEN umgebracht
haben? Dabei konnte ich mich nicht daran erinnern, einen Anlas für einen
Angriff gegeben zu haben. Ich bin auch nicht erschreckt gewesen, das ja laut Etahan ausreichte um die Sicherung zu aktivieren. Und die Sache mit Lovanal
ist schon 10 erdeTage her. Nur, wen konnte ich fragen? Vor Frau Fananga und Herr
Ganos wollte ich mich nicht so unwissend zeigen. Etahan meldete sich immer
nur dann, wenn ein Termin anstand und er ist nie über den UKOM
erreichbar gewesen. Die Hotelleitung würde wahrscheinlich von nichts eine
Ahnung haben und alles abstreiten. Es bliebe vielleicht ein
Sicherheitsdienst wie die ODERNE zum Beispiel. Ich hatte von ihr in
den Würfeln gehört, wo sie als Polizeidienst beschrieben wurde. Auch wenn
sie sich nur für große galaktische Probleme zu interessieren schien, sollte
sie mir wenigsten sagen können, über wen ich Informationen über die
Ereignisse des vergangenen Abends bekommen könnte. Schließlich sind
wahrscheinlich einige Personen getötet worden und das muss doch aufgefallen
sein. So kam es, dass ich an diesem Morgen meinen ersten direkten Kontakt
zur ODERNE aufnahm. Ich rief sie einfach mit meinem UKOM an!
Und dass
schien vollkommen normal zu sein. Es entstand über meinem UKOM eine
kleine würfelförmige Darstellung des ODERNE Symbols - der Grünen
Kugel der IT´ONS. Eine weiche, weibliche Stimme begrüßte mich namentlich und
fragte nach meinen Wünschen. Ich bekam danach ganz selbstverständlich die
Informationen die ich wollte. Ich glaube, dass ich damals mehr über diese
Abwicklung meiner Anfrage verblüfft gewesen bin, als über die Informationen
die sie mir lieferte.
Aber
natürlich, ich bin ja der ~DES~ Reisende!
Wieder
begriff ich meinen Status neu. Die direkten Anfragen beim Taarischen
Zivilisationsarchiv, bei ihrer politischen Vertretung und der GAON KORMA
selbst, sind ja auch alle beantwortet worden. Und die ODERNE ist nur
ein Dienst der Organisation. Irgendwie konnte ich mich immer noch nicht an
den Gedanken gewöhnen, als ~DES~ Reisender alle Informationen zu bekommen,
die ich haben wollte, wenn ich nur die richtige Stelle ansprach und die
richtigen Fragen stellte. Ich bin es einfach nicht gewöhnt gewesen, so
bevorzugt behandelt zu werden. Auf der Erde hatte ich nie das Gefühl gehabt,
einen besonderen Status zu besitzen. Zwar hatte ich immer bekommen was ich
mir ausgesucht hatte. Meine kleinen Verfehlungen sind immer wie Ausrutscher
behandelt worden. Emo Gallo /KEB /D1 hatte immer nur Vorschläge gemacht, wenn es um
meine Ausbildung ging. Ausgesucht hatte ich immer selbst. In meiner
Rückbauzeit hatte ich alle die Aufgaben übertragen bekommen, die auch jeder
andere MENSCH ausführen musste. In den Rückbaugruppen hatte ich nie die
Position des Leiters inne gehabt. Ich besaß nicht die Ausbildung einer
Führungskraft, wie sie Will Bonner /KAF /D1 hatte. Der hätte den Status eines ~DES~
Reisenden schneller begriffen und bis an seine Grenzen ausgereizt. Ich
dagegen wurde bei jeder Gelegenheit - neu - zum ~DES~ Reisenden.
Die
Informationen der ODERNE ließen dann auch nichts Gutes ahnen.
Lovanal, oder besser die Gruppe um Lovanal, arbeitete auf Erfolgsbasis. Sie
bekamen von der -MARD- erst ihre ausgemachten Bewertungen, wenn sie die
"besonderen Stoffe" auch wirklich ablieferten. Mein UKOM hatte mich
nach außen hin als "unbekannten Privaten" dargestellt, so das ich bei den
Schmugglern für die Neubeschaffung der Ware verantwortlich und in der Lage
schien. Sie hatten am gestrigen Abend versucht, mir dass mitzuteilen. Die
fünf GETUSEN in Humanoider Erscheinung sind dann aber von meiner Sicherung
daran gehindert worden. Irgendwie hatte ich ein seltsames Gefühl in der
Magengegend. Es wurde mir klar, dass ich jetzt schon für 6 Tote GETUSEN
verantwortlich war. Und solange sie keine neuen "Stoffe" bekamen, würden sie
mich nicht in ruhe lassen. Es würden weitere Verluste entstehen, was sie zu
stören schien.
Ich musste
eine Entscheidung treffen.
Wenn mein
UKOM mich wieder als ~DES~ Reisenden darstellte, wäre ich allen ihren
Angriffen entzogen. Dann aber würde ich wieder von Massen hysterischer
Jünger behindert werden. Blieb ich in der Identität des "unbekannten
Privaten", hätte ich die GETUSEN weiter als Problem und müsste damit
rechnen, das sie andere Wege fanden um mich vielleicht sogar zu töten. Die
Lösung ist dann wieder ganz einfach gewesen. Mein UKOM sollte mich
einfach mit einer neuen, dritten Identität als "unbekannten Privaten mit
besonderen Berechtigungen" darstellen. Ich besaß so trotz meiner
"Unbekanntheit" einen privilegierten Status, der mir für meine weiteren
Nachforschungen damals unverzichtbar erschien.
Da den
GETUSEN meine Wohnung bekannt seien dürfte, musste ich natürlich umziehen.
Erst dachte ich daran, innerhalb des "Ruhe für Geist und Körper" zu einer
neue Wohnung zu wechseln. Da ich damals aber noch nicht abschätzen konnte,
in wieweit die GETUSEN einer UKOM Identität folgen konnten, beschloss
ich, mich nach einem vollkommen neuen Hotel umzusehen. Heute weiß ich
natürlich, dass dies gar nicht nötig gewesen wäre. Nach dem mein UKOM
mich mit der zweiten Identität ausgestattet hatte, bin ich ja auch in der
Wohnung geblieben, in die ich als ~DES~ Reisender eingezogen bin.
Keine zwei
erdeStunden später zog ich schon in meine neue Unterkunft ein. Als neue
Wohnung hatte mir der UKOM das Hotel "Kleine Freuden" ausgesucht. Ich
hatte ihn beauftragt, nach einem Satelliten mit guter Ausstattung und
unauffälligen Bewohnern zu suchen. Das Hotel stellte sich als Bestandteil
einer großen Satellitenanlage heraus, die nicht um 003-006-NANROC, sondern
in der Bahn des vierten Planeten um die Sonne 003 kreiste. Da Etahan mir
gesagt hatte, das es auf der Oberfläche von 003-006-NANROC keine guten Hotels
mehr gab, hatte ich den UKOM auch nicht danach suchen lassen. Das
dass "Kleine Freuden" sehr viel weiter von 003-006-NANROC entfernt lag als
mein "Ruhe für Geist und Körper" störte mich jetzt auch nicht mehr. So
schnell hatte ich mich an diese Satellitenzivilisation gewöhnt.
Meine neue
Wohnung besaß einen eigenen Anleger für Pendler, hatte dafür aber keinen
Zugang zu öffentlichen Grünanlagen mehr. Eine Empfangshalle fehlte ebenso.
Eigentlich bestand das gesamte Hotel aus einzelnen Wohneinheiten, die ohne
spezielles Raster aufeinander getürmt und nur durch dünne Streben mit einem
Ausläufer des Großsatelliten, von dem es ein Teil war, gehalten wurde. Es
gab keine internen Verbindungen unter den einzelnen Wohneinheiten. Man
reiste mit einem Pendler an, nachdem man den Bewohnungsvertrag über den
UKOM abgeschlossen hatte. Unauffälliger als hier, konnte ich wohl
nirgends sonst sein.
Ich hatte das
erhebende Gefühl etwas Besonderes geleistet zu haben, als ich mich in den
bequemen Liegesack meiner neuen Wohnung fallen ließ. Eigentlich hatte
natürlich mein UKOM alles organisiert. Angefangen von der Abmeldung
im "Ruhe für Geist und Körper" bis zur Anmeldung im "Kleine Freuden". Aber
ich hatte ihn dazu veranlasst und dass empfand ich als eine große
persönliche Leistung. In meinem Bewohnungsvertrag stand übrigens nichts von
einer Finanziellen Bewertung. Was das anging, stellte mich mein UKOM
als "unbekannten Privaten mit besonderen Berechtigungen" wohl als besonders
"wertvoll" dar.
Die neue
Wohnung ist der pure Luxus gewesen. Angefangen von den Formenergie Diensten
bis zu Distanzraffern schien alles vorhanden sein. Die gesamte Wohnanlage -
von einer einfachen Wohnung konnte hier eigentlich nicht mehr die Rede sein
- bestand aus einer verwirrenden Ansammlung von Wohnsälen, Schlafkugeln,
Wasserbecken, Grünanlagen und Rutschen. Treppen oder Verbindungsstege gab es
hier nicht, nur eben diese Rutschen. Und es waren immer Rutschen, auch wenn
ich in meine Schlafkugel zurück wollte, die über einem Wasserbecken hing.
Nach einem erfrischenden Bad, in einem Becken mit richtigem Wasser, setzte
ich mich einfach auf die, in das Wasser reichende Kante und "rutschte"
einfach wieder hinauf. Die sanitären Anlagen meiner Unterkunft hätten auch
von der exotischsten Lebensform benutzt werden können. Sie befanden sich in
einem eigenen Ausleger, der über eine durchsichtige Röhre mit einem der
Haupträume verbunden wurde. Es gab hier für mich keine
Vergleichsmöglichkeiten mehr und hätte mir der UKOM nicht den Weg
gewiesen, gefunden hätte ich diesen Körperdienst nicht. An diesem Luxus
konnte ich mich allerdings nicht lange erfreuen. Etahan meldete sich am 8.
Januar 1/2153 wieder bei mir an.
Das ich
umgezogen war, schien ihn nicht weiter zerstören. Er sprach mit keinem
einzigen Word über dieses Thema. Mit seinem Peiler hatte er im
Eingangsbereich meiner neuen Unterkunft angelegt und sie ganz
selbstverständlich betreten. Wir setzten uns in eine runde Erweiterung des
Hauptwohnraumes, der einen weiten Ausblick auf die direkte Umgebung
erlaubte. Vom freien Weltraum konnte ich natürlich nichts mehr sehen, dafür
hingen zu viele Ausläufer des Großsatelliten in meinem Blickfeld. Man hatte
hier aber doch das Gefühl, sich wie in einer Lebensblase zu befinden, die in
einem Meer von Dunkelheit mit anderen Lebensblasen dahin driftete. Dieser
Eindruck konnte entstehen, weil der Großsatellit nicht still stand. Viele
Teile von ihm schienen ein Eigenleben zu besitzen und veränderten ständig
ihre Lage. Die vielen ein- und ausfliegenden Peiler unterstützten diesen
Eindruck noch. Hier in diese Erweiterung, in der Etahan und ich jetzt
saßen und die eine vollkommen durchsichtige Kuppel, ohne sichtbare
konstruktive Elemente besaß, begriff ich damals endlich meinen Auftrag als
Reisender.
Ich will
versuchen dieses entscheidende Gespräch mit Etahan nach zu erzählen. Für
mich ist es der Beginn meiner gezielten Suche nach alten Wahrheiten gewesen.
Nach dem wir
uns in die bequemen Liegesäcke gesetzt hatten, begann er mit der Frage:
"Sind sie mit
unserem Besuch im Museum zufrieden gewesen?"
Er sprach
sehr leise, was ich eigentlich nicht von ihm gewohnt war. Mein UKOM
hatte immer verständlich übersetzt. Deshalb fiel mir seine Stimmlage diesmal
sofort auf. Ich wurde aufmerksam.
"Ich habe
nicht alles begriffen, wenn sie das meinen"
Ich schaute
ihn direkt an und sah zum ersten Male bewusst in seine Augen.
"Es sollte
auch nur eine leichte Einführung gewesen sein. Es gibt sehr viel genauere
Unterlagen über unsere Kontakte mit ihren Urahnen".
Etahan hatte
wieder sehr leise gesprochen, so dass ich mich vollkommen auf ihn
konzentrieren musste um ihn zu verstehen.
"In einem
öffentlichen Museum werden natürlich nur die wichtigsten Ereignisse
dargestellt, eine Verinnerlichung muss der Besucher schon selbst
durchführen".
Ich glaubte,
so etwas wie einen leichten Tadel über mein Begriffsvermögen aus seinen
Worten heraus zu hören.
"Ich kann mir
vorstellen, dass sie ihre Geschichte vollkommen verinnerlicht haben".
Ich war fast
ein bisschen aggressiv und erlaubte mir diesen Hinweis auf die Taarische
Biologie. Etahan schlug die Augen auf und schaute mich jetzt direkt an.
"Wir sind,
was wir wurden"
Er sprach so
selbstverständlich, dass ich begann mich zu ärgern. Er gehörte ja auch einem
Volk mit einer langen Geschichte an und konnte deshalb so selbstverständlich
sein. Wir MENSCHEN dagegen sind als Volk gerade 130 erdeJahre alt. Uns
fehlte ein geschichtliches "Werden", zumal wir von der Alten Menschheit
nichts mehr wissen wollten. Hatte sie uns doch nur diese Ruinen
hinterlassen. Aber ich stammte von ihnen ab, dass wurde mir in diesem
Augenblick klar. Auch sie gehörten zu meiner Geschichte, ob ich wollte oder
nicht und in diesem Moment wollte ich.
"Sie kennen
die Erde schon seit langer Zeit. Warum haben sie uns eigentlich erst vor 130
erdeJahre offiziell besucht? Sind meine Vorfahren nicht entwicklungsfähig
gewesen, weil sie noch im Werden waren oder gab es andere Gründe?"
"Es gab
andere Gründe"
"Welche
meinen sie"
In mir begann
eine Neugier, die ich nicht mehr unterdrücken wollte und konnte. Was für
Gründe konnte ein so mächtiges Volk wie die TAARER haben, über viele Dekaden
hinweg regelmäßig bei uns vorbei zuschauen ohne sich zu erkennen zu geben?
"Ihre
Vorfahren hatten etwas, was wir nicht wollten. Unsere Besuche in der
Vergangenheit beschränkten sich einzig und alleine darauf, nachzusehen ob
sie es immer noch hatten und sie haben es erst seit kurzer Zeit nicht mehr."
Zu erfahren
dass meine Vorfahren etwas hatten, was die TAARER nicht wollten, überraschte
mich. Und was hatte ich nicht, das meine Vorfahren besaßen? Wirkliche
Vergleiche konnte ich damals eigentlich nicht ziehen, dazu wusste ich zu
wenig von ihnen. Ich hatte mich nie für die Alte Menschheit interessiert,
die uns nur eine heruntergewirtschaftete ERDE hinterlassen hatte und seit
2104 auch nicht mehr existierte. Weiter in die Vergangenheit bin ich
natürlich auch nicht vorgestoßen - warum sollte ich auch. Die Zukunft
erschien mir immer als sehr viel spannender. Die Vergangenheit endete für
mich damals immer mit dem Ende der Alte Menschheit und von ihr wusste ich
auch nur, das sie gierig gewesen ist - in allem was sie tat. War es diese
Eigenschaft, die Etahan meinte, die sie nicht haben wollten? Aber das Gefühl
von Gier besaß ich auch, manchmal.
"Erst jetzt
ist es uns möglich gewesen, mit ihnen zu planen."
"Was hatten
meine Vorfahren, das sie daran gehindert hat was zu planen?"
"Jede
Lebensform hat seine besonderen Eigenschaften. Wir TAARER gingen immer davon
aus, das uns nicht alle Fähigkeiten von unseren Erzeugern mitgegeben wurden.
Immer sind wir auf der Suche nach neuen Eigenschaften, Fähigkeiten und Ideen
anderer Völker gewesen, um von ihnen zu lernen. Aber das geht natürlich nur
mit einer Zivilisation, die ihre Fähigkeiten auch erkannt und sie zur
Profession entwickelt hat und zu nutzen weiß. Ihre Vorfahren haben das nie
begriffen und verloren sich in ihren unendlichen Fähigkeiten, die sie dann
auch nur sehr unvollkommen beherrschten. Dieses Fähigkeitenchaos war es, mit
dem wir nichts anzufangen wussten. Immer wieder haben ihre Vorfahren ihren
Heimatplaneten damit verwüstet. Unsere Besuche haben immer nur die
endgültige Selbstzerstörung verhindert. Wir hofften, dass sie irgendwann
einmal ihre Profession erkennen würden".
"Und seit
einiger Zeit kennen wir unsere Fähigkeiten?" Ich war verblüfft, denn ich
kannte sie nicht.
"Seit einiger
Zeit kennen wir eure Fähigkeit. Sie muss jetzt nur noch zur
Profession reifen und sie sind als ~DES~ Reisender ein Teil dieses Vorgangs."
Fast ein
wenig aufgebracht, sprang ich auf und rannte unter der Kuppel umher.
"Ich ein Teil
welches Vorganges? Meinen sie die Findung unserer Fähigkeiten oder ihre
Entwicklung zur Profession? Und welche Fähigkeit ist eigentlich gemeint. Ich
zumindest weis nichts davon".
"Im Gegenteil
Bo Reeves /KEB /D1" Etahan blieb vollkommen ruhig in seinem Liegesack sitzen. "Sie sind der
erste MENSCH, der diese Profession ausübt. Dafür sind sie gezeugt,
ausgebildet und mit ~DES~ ausgestattet worden. Sie sollen reisen, suchen und
lernen, stellvertretend für ihr Volk. Dabei werden sie ihre Profession
erkennen und an andere MENSCHEN weitergeben. Das ist ihre Aufgabe".
So bekam ich
also meinen ersten wirklichen Hinweis, auf das, was ich zu tun hatte. Auf
der ERDE konnte es mir ja niemand gesagt haben, weil ich es ja war, der es
ihnen sagen sollte. Ich bin damals, neben meinem Schock, auch irgendwie
erleichtert gewesen. Ich wusste jetzt, dass ich reisen, suchen und lernen
sollte. Und das schönste daran war, das es keine Vorgaben gab. Ich alleine
konnte entscheiden, nach was ich suchen sollte. Etwas, was mich wirklich
interessierte musste es schon sein und das ist in diesem Moment die Frage
nach der Besonderen Beziehung gewesen, die wir MENSCHEN mit den TAARERN
hatten.
Als ich
Etahan damals ganz offen nach dieser Besonderen Beziehung fragte, antwortete
er zu meiner Überraschung ausweichen, was eigentlich bis dahin nicht seine
Art gewesen ist. Dieses Verhalten machte mich aber erst richtig neugierig
und ich bedrängte ihn förmlich mit Fragen, die in diese Richtung gingen.
Etahan wich einer Beantwortung immer wieder aus. So jedenfalls kam sein
Verhalten damals bei mir an.
Ich musste
andere Wege finde, um mir meine Fragen zu beantworten. So begann ich eine
Übersicht zu entwickeln, die ich dann abarbeiten wollte. An die erste Stelle
setzte ich natürlich unsere offizielle Entdeckung durch die TAARER, im Jahre
2030 und hier stieß ich auch schon auf die ersten Sonderheiten. Zu diesem
Zeitpunkt existierten wir MENSCHEN noch gar nicht! Die TAARER hatten sich
der Alte Menschheit zu Erkennen gegeben, obwohl sie gerade wieder einmal
dabei war, sich und die ERDE zu zerstören.
Etwas stimmte
nicht an dieser Geschichte. Etahan hatte angedeutet, das sie erst den
Kontakt mit uns aufgenommen hatten, nachdem sie die Profession der MENSCHEN
erkannt hatten und etwas anderes, was sie unter keinen Umständen haben
wollten, verschwunden war. Aber damals, im Jahre 2030 gab es noch keine
MENSCHEN. Es existierte nur die Alte Menschheit und die befand sich gerade
in ihrer Endzeit.
In meiner
Jugend auf der Insel Irland musste ich in einer Gruppe dieses Endzeitthema
bearbeiten. Es ist mein erstes und einziges Projekt gewesen, was ich mit
anderen Schülern zusammen ausgearbeitet habe. Ich kann mich deshalb noch so
genau an diese Katastrophe erinnern, weil ein Mitschüler dabei, unter nicht
geklärten Umständen umkam. Wir sind damals zu dem Ergebnis gekommen, das die
Alte Menschheit, durch die von ihr verursachte Vergiftung der Erde,
unfruchtbar geworden ist. Um das Jahr 2030 fiel das noch nicht so auf. Es
existierten fast 7 Milliarden Personen und eigentlich ist man damals froh
gewesen, dass seit 10 Jahren keine Kinder mehr auf natürlichem Wege geboren
worden sind. Die damalige UN mussten dann aber einsehen, dass nur eine
künstliche Zeugung ein endgültiges Aussterben ihrer Art verhindern konnte.
Da es auf der vergifteten Erde nicht mehr möglich war, eine gesunde DNS zu
entwickelt, baten sie die TAARER darum, diese Forschungen auf einer ihrer
Welten durch zuführen. So kam es dann, dass unsere neue, gesunde DNS im
System 081-FEEN entstanden ist. So jedenfalls steht es in unserem
Zivilisationsarchiv.
Mir kam
in diesem Moment ein erschreckender Gedanke. Hatten die TAARER vielleicht
etwas nachgeholfen? Nicht bei der Unfruchtbarkeit der Alten Menschheit,
dieser Gedanke kam mir damals überhaupt nicht. Das hatte sie schon selber
verursacht. Ich meinte unsere Profession, die sie erkannt zu haben glaubten.
Etahan sprach von "nötigen Korrekturen" die selbstverständlich mit Wissen
der UN an unserer DNS vorgenommen worden seien. Genauere Unterlagen befänden
sich im Genarchiv, im System 081-FEEN und das könnte ich ja nachprüfen. Über
KOSMIC-LINK sind solche Informationen nicht verfügbar, deshalb hatte er,
Etahan
sogar die Reise zu diesem, nur 82 lichtJahre von 003-NANROC entfernten
System vorbereitet.
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